Kultur : Weich gezeichnet

Den Auftakt der Frühjahrsauktionen bei Grisebach macht die Fotografie

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Wenngleich sich der Himmel zur Frühjahrsauktion bei Grisebach zum ersten Mal wieder strahlend zeigte, stand der Auftakt in der Villa unter keinem hellen Stern. Denn die Fotografie, die traditionsgemäß am Anfang der insgesamt vier Versteigerungen steht, erweist sich nach wie vor als heikles Terrain. Ein Blick auf die jüngsten Ergebnisse in New York oder London zeigt den Fotografiemarkt nach dem Einbruch von 2007 weiterhin in einer Phase der Rekonvaleszenz. An Millionenzuschläge ist auch an den führenden Standorten nicht zu denken, und so nähert man sich nur allmählich wieder sechsstelligen Summen.

Das Hochpreissegment taucht in Deutschland ohnehin selten auf. Zudem war in der Berliner Villa Grisebach, wo man sich gerne seiner realistischen Einschätzungen rühmt, das Augenmaß bei der Fotografie-Offerte in diesem Frühjahr nicht gerade treffsicher. Die Akquisition mag sich derzeit schwierig gestalten, doch wenn kühne Erwartungen mit späteren Abzügen einhergehen, werden selbst Fotografie-Ikonen abgestraft. So fiel das als Spitzenwerk unter den rund 180 Losnummern gehandelte „Head of a Dancer“ von Lotte Jacobi sang- und klanglos durch. Mit vielen ihrer intensiven Menschenbildnisse hat Jacobi im frühen 20. Jahrhundert Fotografiegeschichte geschrieben. Künstlerisch ragt „Head of a Dancer“ in seiner prägnanten Stilisierung weit über die reine Porträtkunst hinaus. Die faszinierende Nahaufnahme der Tänzerin Niura Norskaya hatte Jacobi 1929 in Berlin gefertigt – sechs Jahre, bevor sie mit ihrem Sohn vor den Nazis in die USA flüchten musste. Doch in einer Version aus den siebziger Jahren und mit einem Schätzpreis von mindestens 22 000 Euro lockte auch der Hinweis auf den „seltenen, ungewöhnlich großen Abzug“ keinen einzigen Bieter. Denn Größe zählt gerade in der klassischen Fotografie nicht.

Ganz anders bei den Zeitgenossen, die die Klassiker nicht nur in den Maßen, sondern auch im Marktwert übertreffen. Diese Tendenz zeichnete sich einmal mehr auch im gut besuchten Saal der Villa Grisebach ab. Den höchsten Zuschlag erzielte Thomas Struths „People on Fuxing Dong Lu, Shanghai“. Der Hammer fiel für die großformatige Aufnahme, 1997 in einer Zehner-Auflage als C-Print entstanden, bei 19 000 Euro. Was im Rahmen der Schätzung liegt und inklusive Aufgeld 22 610 Euro macht.

Das zweithöchste Ergebnis des Nachmittags verbuchte das 13-teilige Portfolio „I.N.R.I.“, mit dem die französische Provokateurin Bettina Rheims gemeinsam mit Serge Bramly 1997 ihre eigene Sicht auf die Passionsgeschichte inszenierte. Was in christlichen Kreisen durchaus als anstößig empfunden wird, sicherte sich ein US-Amerikaner am Telefon des Grisebach-Experten für Zeitgenössische Kunst, Daniel von Schacky, für 15 000 Euro. Für Überraschung und ein wenig Spannung sorgte Julius Shulmans spektakuläres „Case Study House # 22“. 1960 hatte Shulman das verglaste Wohnhaus im abendlichen Lichtermeer über Los Angeles für die Zeitschrift „Arts & Architecture“ fotografiert. Nach einem Einstieg mit 2000 Euro kämpften fünf Telefonbieter um das Motiv, das auch ohne Vintage-Prädikat einen Schweizer Sammler bis 10 000 Euro reizte. Gleichauf, wurde Ruth Orkins „American Girl in Italy“ leicht über den Schätzpreis gehoben.

Weit über den Erwartungen konnten die typischen New-York-Ansichten von Andreas Feininger veräußert werden. Allen voran „Downtown from Brooklyn Bridge“. Bereits die schriftlichen Vorgebote lagen über der Schätzung, die ein deutscher Telefonbieter mit 9500 Euro dann fast verdoppelte. Reüssieren konnte auch Erwin Blumenfelds Selbstporträt „Masque“. Der 1897 geborene Berliner, der in Amerika zu einem der gefragtesten Modefotografen avancierte, besann sich hierfür Anfang der sechziger Jahre auf seine künstlerischen Dada-Wurzeln. Sein düster ironisches Verwandlungsspiel mit einer haitianischen Maske wechselt für 9000 Euro in eine deutsche Privatsammlung. Gemischt aufgenommen wurde eine Kollektion aus dem Familienalbum von Man und Juliet Ray. Überzeugen konnte das Vintage eines Surrealisten-Gipfels von 1960: „Man Ray und Marcel Duchamp beim Schachspiel“ verdreifachte die Taxe mit 9000 Euro. Im Rahmen blieben ein „Doppel-Selbstporträt“ mit 6500 Euro und ein Kontaktbogen mit Inkunabeln wie „Noire et Blanche (Kiki und die Maske)“ für 5000 Euro.

Als Motiv ebenso verlockend wie bezüglich der Schätzung, kletterte Beat Pressers Klaus-Kinski-Porträt von 1800 auf 5800 Euro. Angesichts manch empfindlicher Rückgänge und einer Zuschlagsquote von 64 Prozent der Lose belief sich der Gesamtumsatz auf 380 000 Euro. Ein durchwachsener Auftakt. Aber der Frühling hat ja gerade erst begonnen.

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