Kultur : Weiche Weihen

Shen Wei Dance Arts bei der Spielzeit Europa

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Hoch her ging es bislang in den Tanzproduktionen der Spielzeit Europa, entfesselten doch alle Arbeiten eine heftige Gruppendynamik. Von irritierender Nüchternheit ist dagegen der Auftritt von Shen Wei Dance Arts aus New York. In „Rite of Spring“ ließ der Choreograf sich allein von Melodie und Rhythmus der Strawinsky-Komposition leiten. Kein düsteres Ritual ist zu sehen, Wei lässt seine entsexualisierten Tänzer wie Marionetten agieren. Derart versteift sind ihre Körper, dass es fast weh tut beim Zuschauen. Der Bühnenboden ist mit blauen Linien und weißen Kreideflächen markiert. Die Tänzer wippen, trippeln ein paar Schritte, bremsen ab.

Wenn der Pianist Fazil Say in seiner Einspielung des „Sacre“ auf die Tasten hämmert, legen die Tänzer kurze Sprints hin. Jedes der Elementarteilchen zieht seine Bahn – von Anziehung, Reibung gar ist nichts zu spüren. Wei lässt nur wenige Ausbrüche zu, ein Aufflackern und Emporschrauben. Wo Strawinsky Motive übereinander schichtet, splittert Wei die Gruppe auf, vermeidet aber auch hier jede Konfrontation. Zurück bleibt der Eindruck des allzu Kontrollierten und Kalkulierten.

Weis Solo „B.E.R.L.I.N.“ basiert auf Kombinationen von Zahlen und Buchstaben, die angeblich in Beziehung zur Hauptstadt stehen. Die tänzerischen Berlin-Chiffren lassen sich zwar nicht entschlüsseln, dafür kann man Wei dabei beobachten, wie er mit schöner Weichheit sein Bewegungsvokabular entfaltet.

Von einer Reise zu den Tempelanlagen von Angkor Wat ist „Re-PART II] Part II“ inspiriert. Wenn die Tänzer anfangs ihre Glieder verhaken, fühlt man sich an Tempelfriese erinnert. Nur mit hautfarbenen Slip bekleidet, mutieren sie dann zu Kreaturen des Dschungels. Paare verschlingen ihre Körper lianengleich und verschmelzen zum Doppelwesen. Die dünnste Tänzerin liegt in einem fahlen Lichtkreis und verdreht ihren Körper auf schmerzliche Weise. Organisches Wuchern endet in kalter Leichenstarre. Aus der tragischen Geschichte Kambodschas macht Shen Wei ein weihevolles Bühnenmysterium (noch einmal 18.12., 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele). Sandra Luzina

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