Kultur : Weihe der Wörter

JAN SCHULZ-OJALA

Die letzten werden die ersten sein - und die allerletzten die allerersten.Roland Emmerichs Monster-Remake "Godzilla" stand schon ein paar Tage ganz oben auf dem amerikanischen Charts-Treppchen, bevor das Festival von Cannes mit ihm am Sonntagabend den Schlußpunkt unter ein im ganzen eher merkwürdiges Ereignis setzte.Die europäische Erstaufführung von "Godzilla" verbreitete das erwartete akustische und visuelle Getöse - und, was die einzige Überraschung dieses neuesten Konfektionsbombasts des digitalen Zeitalters war, sogar ausgeprägte Langeweile.Denn das megalomane, in den Tiefen des nuklearverseuchten Südpazifik zur handelsüblichen Menschheitsgeißel herangereifte Trampeltier tritt, erst einmal im Endzeit-Babel namens New York angekommen, spannungstechnisch eine Stunde lang auf der Stelle.Und als die Amerikaner mit Hilfe der französischen Geheimwaffe Jean Reno schließlich das finale Rettungsgemetzel feiern, hat man fast ein bißchen Mitleid mit der Mega-Echse.In "Independence Day" hatten die Amerikaner zur Rettung der Welt die Vasallen-Puppen nur tanzen lassen, was Emmerich vor allem in seiner deutschen Vasallen-Heimat Kritik einbrachte; diesmal nun treten gleich, politisch hyperkorrekt, die atlantischen Achsenmächte zum Endsieg über das Animalische an.Kurz, ein klarer Fall für den Tierschutzverein - und viel Lärm um wenig.Und zu einem Festival wie Cannes paßt ein Film wie "Godzilla" sowieso wie die Faust aufs cineastische Auge.

Der letzte Wettbewerbsfilm aber wurde der erste - und das, nach den durchwachsenen Erfahrungen mit den vorhergegangenen 21 Werken, erwartungsgemäß.Die Goldene Palme für "Mia Eoniotita ke mia mera" (Die Ewigkeit und ein Tag), den elften Film von Theo Angelopoulos, das bedeutete den endlichen Triumph für einen Regisseur, der mit dreien seiner Werke an der Croisette die Krönungstrophäe nur knapp verfehlte, aber auch für einen Film, in dem sich die feinen Linien eines Lebenswerkes überschneiden: der Topos der Alterseinsamkeit findet sich darin ebenso wie jener der entwurzelten Kindheit oder die in der balkanischen Flüchtlingswelt symbolisierte globale Heimatlosigkeit dieser Tage.Unmittelbarer Anlaß zu "Eine Ewigkeit und ein Tag" war der plötzliche Tod des Schauspielers Gian Maria Volonté während der Dreharbeiten zu "Der Blick des Odysseus", ein Schock, der den Regisseur in eine psychische Krise stürzte - und das Ergebnis ist sein intimstes, aber auch sentimentalstes Epos über Liebe und Tod, heiteres Diesseits und weltabgewandtes Künstlertum, über Egoismus und Opfer, über die schließlich sanfte Erkenntnis der Vergeblichkeit jeglicher Existenz.

Wieder einmal heißt seine Hauptfigur Alexander, und diesmal ist es - nach zuletzt Mastroianni und Harvey Keitel - Bruno Ganz, der den stellvertretenden Fundamental-Melancholiker gibt.Er hat, nicht sehr alt, aber todkrank, nur noch einen Tag in Freiheit, bevor er sich auf die letzte Reise ins Krankenhaus begibt.Der Film lädt ein zur Reise mit ihm durch diesen Tag, den er vorsichtig als einen beliebigen Aufbruch deklariert: Wir erleben den Abschied von seiner sehr nüchternen Tochter, von seiner gutherzigen Haushälterin, von seiner verwirrten Mutter, von der Stadt und seinem schon zum Abriß bestimmten Haus.In seinen stärksten Sequenzen blickt der Film - mühelos zwischen Zeiten und Räumen schwimmend - zurück in eine besonnte Vergangenheit, deren Zeuge dieser Alexander nur war: ein Wintermantelmann im Hochsommer, ein Schriftsteller, der sein Leben ganz den Wörtern widmete und sich nun, lange schon allein, den Schmerz der lange schon toten Ehefrau über seine ewige Abwesenheit herbeihalluziniert.Nur einen Tag, den aber ganz, hätte sie von ihm haben wollen - und nun scheint es eben jener, sein letzter, zu sein.Wie sie, eine üppig Blühende (Isabelle Renauld), in diesen Rückblenden diesen Schemen von Mann immer ins Leben zu locken trachtet, wie ihre schon ältere Stimme ihm dann das Verschwinden aus dieser Welt erleichtert - das ist großes, bewegendes, fast möchte man sagen: überzeitliches Kino.

Offenbar aber genügte Angelopoulos diese faszinierende Vergegenwärtigungsarbeit eines Sterbenden nicht - und so gesellt er ihm ein albanisches Kind griechischer Herkunft bei (Achileas Skevis), das gleichermaßen bedroht ist von der Polizei und der Kinderhändler-Mafia.Was erst wie ein wunderbarer Einbruch der Wirklichkeit in den übrigen Traum erscheint, die Rettung des Kindes und der Beginn einer Art Freundschaft, wird jedoch schnell Opfer neuer Mystifizierung.In Anlehnung an einen ungenannt bleibenden griechischen Dichter des 19.Jahrhunderts, der im italienischen Exil die Muttersprache verlernte und dessen unvollendetes Werk der Dichter Alexander überdies selbst einst erfolglos zu beenden trachtete, läßt Angelopoulos die beiden ein recht preziöses Wörterkaufspiel probieren.Das ist zuviel.Denn einerseits hat der kleine Junge, auf den der alte Mann in elaboriertestem Code einspricht, kaum Wörter; zum anderen treten die beiden Figuren in keinerlei Beziehung zueinander.So verrät Angelopoulos die tiefste metaphorische Ebene seines Films, in der das kindliche Gefängnis der Sprachlosigkeit und Alexanders Gefangensein in Sprache hätten einander berühren sollen, zumindest zeitweise an das Geschwätz.

In Cannes gab es für den Film warmen, geradezu in mediterranen Wellen brandenden Applaus.Wahre Ovationen bereitete das Publikum Roberto Benignis "La vita è bella", und nach den Ereignissen bei der Preisverleihung zu schließen, wo Benigni erst dem Jury-Vorsitzenden die Füße und sodann den vielen schönen in der Jury vertretenen Schauspielerinnen den Mund küßte, hat dieser begnadete Komödiant offenbar derzeit allerseits carte blanche.In italienischen Kinos, wo man gerne über derbe Witze lacht - und vor allem in der ersten Hälfte ist "La vita è bella" hier von überbordender Großzügigkeit -, feiert der Film Triumphe.Auch in Cannes mußte sich den Vorwurf der Humorlosigkeit machen lassen, wer die zweite Hälfte, die Fortsetzung des Slapsticks in einem operettenhaften KZ, nicht goutierte - selbst wenn die schlußendlich siegreiche Heiterkeit fraglos dem besten aller möglichen Zwecke, der Rettung eines Kindes, diente.Für "La vita è bella" gab es den Großen Preis der Jury, gewissermaßen die Silbermedaille von Cannes - womit die Juroren ihren Sinn für das Sentimentale (nach dem Blick aufs Dramatische bei Angelopoulos) auch zum Komödiantischen hin rundeten.

Die sogenannten Arthouse-Filme mit den international größten kommerziellen Chancen mußten sich mit Schauspielerpreisen zufrieden geben.Ken Loachs schlichter und plakativer "My Name is Joe", der in Cannes vielen gefiel und zunächst als möglicher Palmen-Anwärter galt, sah sich in Gestalt Peter Mullans geehrt, der den tapferen anonymen Alkoholiker und seine tapfere anonyme Liebe britisch-nüchtern gab; gerecht auch die Doppelauszeichnung für Natacha Regnier und Elodie Bouchez in Erick Zoncas souveränem Erstlingsfilm aus der nordfranzösischen Provinz, "La vie rêvée des anges".Der Rest ist, wie immer, Proporz.Wobei sich diesmal auffallend nur das Gängigere berücksichtigt sah: Lars von Triers beunruhigend mehrdeutige und visuell teils schockierende "Idioten" gingen ebenso leer aus wie Hou Hsiao-Hsiens minimalistisches Meisterwerk "Flowers of Shanghai".Mut zur Tücke hat diese Jury nicht beweisen wollen - und damit zu den widerborstigeren Beispielen einer Kunst, die sich in ihren Bildern immer wieder neu erfindet.Versöhnen statt spalten, so könnte die Weisheit dieser Jury nach einem Festival lauten, das sein Chef Gilles Jacob einigermaßen voreilig als Probe eines Spitzenjahrgangs angepriesen hatte.

Für die auch von dieser Zeitung vielgescholtene Berlinale ist das mehr als ein Trost.Denn Cannes war dieses Jahr gerade in den Bereichen eher blaß, aus denen es, in der Konkurrenz zu Venedig und Berlin, seinen prioritären Premieren-Glanz bezieht: Der Eröffnungsfilm "Primary Colors" war in Amerika längst abgespielt, und nicht einmal "Godzilla", die andere Hollywood-Produktion, mochte in Sachen jus primae noctis auf Cannes warten.Eine Reihe von Filmen - einige französische Beiträge, Triers "Idioten" und Nanni Morettis "Aprile" - kamen in Frankreich sofort nach ihrer Cannes-Premiere ins Kino, was den häufig gegen Berlin in Sachen US-Majors erhobenen Vorwurf des Durchlauferhitzer-Festivals zumindest relativiert.Und Hal Hartleys "Henry Fool" war bereits auf dem Festival von Toronto zu sehen.Die Cannes-Organisatoren behaupten zwar, dort sei eine andere Fassung gezeigt worden, aber einen Fleck auf der weißesten Weste der Filmwelt bedeutet das allemal.Immerhin der Auftritt des Siegerfilms war (anders als im Februar in Berlin), was er auf großen Festivals stets sein sollte: eine echte Weltpremiere.

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