Kultur : Weihe und Raunen

BORIS KEHRMANN

Dreimal muß Tamino in der "Zauberflöte" anklopfen, ehe er nach Freimaurerbrauch in den Tempel der Weisheit eingelassen wird.Dreimal klopft auch das Orchester in der langsamen Einleitung der Es-Dur-Sinfonie KV 543 an, ehe Mozart es in den Kopfsatz eintreten läßt.Auffällige Dreierfiguren durchziehen in solcher Dichte und Vielfalt die letzten drei Sinfonien Mozarts, deren Tonarten noch dazu einen Dreiklang bilden, daß die Forschung sich bis heute ernsthaft mit der Frage beschäftigt, ob die Trias der im Sommer 1788 kurz hintereinander fertiggestellten Meisterwerke als in sich zusammenhängendes Bekenntnis des Logen-Bruders - mit oder ohne Geheimbotschaft - zu verstehen sei.Etwas von diesem unlösbaren Geheimnis muß auch Bernard Haitink bewegt haben, als er die beiden Seitenstücke des Triptychons auf das Programm des Abonnementskonzerts der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie setzte.Weihe, Raunen, Offenbarung letzter Dinge durchschauert die Einleitung der Es-Dur-Sinfonie.und läßt an die drei Eröffnungsakkorde der "Zauberflöte" denken.Der Dirigent versucht zu vermitteln, das Rasche, Wendige, Geschmeidige aus dem Feierlichen zu entwickeln.Aber es funktioniert nicht.Im zweiten Satz bricht die Spannungkurve unter zu langsamem Tempo zusammen, so behutsam und liebevoll Haitink die Feinheiten des Bläsersatzes herauspräpariert.Diese Feinheiten, kostbar ausgespielt von den Solisten der Berliner Philharmoniker, waren es, die einen entschädigten für eine Werkdeutung, deren grandiose Einseitigkeit nur ein Wunder von einer Wiedergabe hätte aufgehen lassen können.Trockener, drängender, elastischer ging Haitink die "Jupiter"-Sinfonie an.Die entfaltete denn auch ihre sprühende Vitalität.Die Doppelfuge des Finales mußte einen in diesem Zusammenhang an die Feuer- und Wasserprobe der Oper erinnern und überzeugte doch auch als Mozarts Ode an die Freude.

Zwischen die 39.und die 41.hatte Haitink das Jeunehomme-Konzert gestellt.Maria Joao Pires ist eine Pianistin, die sich Mozart nur mit der allergrößten Ehrfurcht nähert.Zu wunderbarer Entrückung führte diese Pietät im langsamen Mittelsatz.Im Kopfsatz hätte man sich mehr Feuer, mehr Spannung gewünscht, im großen Rondo-Finale eine organischere Dramaturgie der Tempi und stärkere Farben von seiten der Philharmoniker.

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