Kultur : Weihnachten - Herausforderung Harmonie: Im Netzwerk der Werte

Wolfgang Schäuble ist Präsidiumsmitglied

Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein, soll André Malraux einst gesagt haben. Nun hat vor ein paar Wochen Vaclav Havel bei der Eröffnung der Tagung von Währungsfonds und Weltbank in Prag davon gesprochen, wir seien die erste Zivilisation in der Geschichte der Menschheit, die in ihrem Wesen atheistisch sei. Ohne einen Bezugspunkt im Ewigen und Unendlichen würden die Werte als Grundlage einer freiheitlichen Ordnung um so notwendiger.

Darüber ist nachzudenken. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse verändern sich immer schneller. Globalisierung ist nur ein Stichwort, und die Entwicklung in den Naturwissenschaften beschleunigt sich atemberaubend, von der Gentechnologie mit dem Albtraum der Menschenzüchtung bis zur künstlichen Intelligenz, also der Schaffung von Robotern, die den homo sapiens abzulösen drohen. Die Geschichte vom Zauberlehrling scheint neue Aktualität zu gewinnen.

Vielleicht sind die Spekulationen über künftige Entwicklungen übertrieben. Aber die Frage wird drängender, woher Maßstäbe nehmen in einer entgrenzten Welt. Eines scheint noch immer gewiss zu sein: Die Endlichkeit menschlichen Lebens bleibt. Anfang und Ende stehen außerhalb menschlicher Verfügung, jedenfalls in dem Sinn, dass wir nicht wissen, was vorher war und was nachher sein wird. Auch die Individualität jeden menschlichen Lebens wird bleiben, daran ändert auch die Möglichkeit des Klonens nicht, wie wir von eineiigen Zwillingen wissen.

Und für sich allein kann der Mensch nicht leben, was mit der Unverfügbarkeit von Anfang und Ende zu tun hat. Die grundlegenden Probleme menschlichen Zusammenlebens werden also bleiben, selbst wenn es gelänge, einen neuen Menschen zu züchten.

Aus der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens folgt die unveräußerliche Würde jedes einzelnen Menschen. So begründen sich die zentralen Werte unseres Verständnisses von menschlichem Leben und menschlicher Gemeinschaft. Die Freiheit des Menschen, die Gleichheit jedes einzelnen, die Solidarität als freiheitlicher Ausdruck des Aufeinanderangewiesenseins und die Gerechtigkeit, die die Vielfalt auch gegeneinander gerichteter Interessen begrenzt. Rechtliche Regeln sind dafür unverzichtbar, aber die freiwillige Einordnung aufgrund von Werteüberzeugungen bleibt unerlässlich, wenn das Netzwerk der Regulierungen und der Kontrollen, um ihre Einhaltung zu erzwingen, nicht die Freiheit ersticken soll.

Das freiwillige Einhalten von ungeschriebenen Regeln ist für das friedliche Zusammenleben im Großen wie im Kleinen ganz unverzichtbar. Der Volksmund weiß das: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Und die einst so gescholtenen Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit sind auch nicht so schlecht, wenn man sie weniger unter Gesichtspunkten der Selbstverwirklichung als mehr der Rücksichtnahme bedenkt.

Aber das wichtigste bleibt die Unbedingtheit von Anfang und Ende und damit die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens. Das Wissen darum bewahrt uns vor Hybris. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel wird seit langem erzählt. Auch das weiß der Volksmund: Hochmut kommt vor dem Fall. Genau deshalb wird uns eher Demut die Zukunft sichern. Das Wissen, dass wir nicht Anfang und Ende sind. Und dieses haben Malraux und Havel wohl gemeint.

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