Kultur : Weihnachten - Herausforderung Harmonie: Nicht immer heilig

Claudia Keller

Die Weihnachtsgans schmort im Bräter, der Baum ist geschmückt. Mutter und Kinder haben die Festtagskleider aus dem Schrank geholt. Nur der Vater sitzt im Jogginganzug da - unrasiert. Und schweigt. "Da war die Stimmung natürlich auf dem Nullpunkt", erinnert sich Heike B. an die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit. Ihr Vater, ein erfolgreicher Professor und Psychotherapeut, verweigerte sich dem Familienfest jedes Jahr. Er sagte während der ganzen Weihnachtsfeiertage nicht ein einziges Wort und zog sich in sich zurück.

Der Mann ist kein Einzelfall. Viele Menschen, wissen vor allem die Familientherapeuten, haben ähnliche Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht. Dennoch scheint das Bild von Weihnachten als dem heiligen Fest der Liebe und der Familie in unseren Köpfen unerschütterlich verankert zu sein. Und auch die Werbe- und Filmindustrie trägt dazu bei, dass uns jedes Jahr aufs Neue goldene Christbaumkugeln, geschnitzte Krippen und heimelige Vater-Mutter-Kind-Szenen in den Augen glänzen.

Da werden Erwartungen geweckt. Sehr hohe Erwartungen. Wenigstens einmal im Jahr, unterm Weihnachtsbaum, soll die Sehnsucht nach familiärem Frieden, Geborgenheit und nach emotionaler Nähe erfüllt werden. Deshalb verhalten sich viele Familien plötzlich so, als wäre die Großfamilie wieder lebendig. Vom 24. bis zum 26. Dezember soll alles stimmen. "Weihnachten konfrontiert uns ein Stück mit dem nicht mehr gelebten Leben, mit der Sehnsucht nach Geborgenheit und Vertrauen, die wir sonst das ganze Jahr über verdrängen", sagt Norbert Wilberts. Der Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle im Bistum Münster weiß, dass mit der Sehnsucht auch verdrängte Probleme wachwerden. Schließlich wird die Zeit für die meisten Menschen immer knapper. Da reicht es angesichts von Arbeitsbelastung und dem damit verbundenen Druck kaum noch dafür, um den Kindern zuzuhören, um Liebesbeziehungen und Freundschaften zu pflegen.

Krisentelefone laufen heiß

Und an Weihnachten kommen dann alle wieder zusammen, die sonst ihre eigenen Wege gehen. "Es wäre ein Wunder, wenn da plötzlich alles friedlich wäre", sagt die Berliner Psychologin Eva Jaeggi. Die in Trennung oder Scheidung schwelenden Paare und Familien stehen unter dem Druck, wenigstens für drei Tage noch einmal heile Welt zu spielen. Die Geschiedenen müssen sich einigen, bei wem die Kinder welche "Feiertage" verbringen. Und die Singles, die das ganze Jahr über froh darüber sind, in den Kollegenkreis und in die Arbeit flüchten zu können, stehen unvorbereitet alleine da. Dazu kommt die Winterdepression. Sie holt Tausende ein, sorgt zusätzlich für Krisen und treibt die Selbstmordrate in die Höhe.

Die Folge: Krisentelefone laufen heiß, psychiatrische Kliniken, Familienberatungsstellen und Scheidungsanwälte haben Hochkonjunktur. "Die Zeit nach Weihnachten ist die Hauptzeit für neue Verfahren", berichtet die Berliner Rechtsanwältin Jutta Wagner. Gar von einer Gesetzmäßigkeit spricht der Anwalt-Suchservice. Während in den restlichen Monaten nur 500 bis 600 Anrufer nach familienrechtlichem Beistand fragen, waren es im Januar 2000 rund 1800.

Zu viele Illusionen

"Volle Konjunktur" herrscht schon in den Tagen vor dem 24.12. bei der kirchlichen Telefonseelsorge. "Die stille Verabredung, dass dann keine Konflikte hochkommen dürfen, führe zu Versagungsängsten. Alleinstehende, die keine Mechanismen gegen Einsamkeit trainiert haben, geraten in Panik", sagt Uwe Müller, Leiter der Berliner Telefonseelsorge. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation steigt die Rate der Selbstmordversuche an den Tagen nach Weihnachten in den Ländern, in denen an diesen Tagen nicht gearbeitet wird, um 40 Prozent. "Broken-promise effect" heißt dieses Phänomen. Dass Weihnachten ein "psychosozialer Stressor" ist, bestätigt auch Oberarzt Rainer Bachus von der Klinik für Psychiatrie der Berliner Charité. Konflikte, die bereits da sind, spitzen sich durch den Erwartungsdruck zu, Schizophrenien und Depressionen brechen durch die Enttäuschungen auf und holen Wut und Resignation hervor.

Junge Paare geraten genauso in die Weihnachtskrise. Die Partner, sagt Telefonseelsorger Müller, gehen oft stillschweigend von der falschen Annahme aus, dass der andere die gleichen Weihnachtserfahrungen gesammelt hat wie er selbst. Am 24. sei die Überraschung dann groß, wenn sich herausstellt, dass dem nicht so ist.

Psychologen, Familientherapeuten, Soziologen und Pfarrer raten deshalb, Weihnachten von Illusionen zu befreien. Karl Jüsten, der Leiter des Katholischen Büros Berlin, warnt davor, die Heilige Familie Maria-Josef-Jesuskind mit einem harmonisierten Familienbild zu überfrachten, das aus den fünfziger Jahren, wenn nicht gar aus dem 19. Jahrhundert stamme. Wir sollten, findet Jüsten, gerade die Heilige Familie realistisch betrachten: Josef wird Vater, ohne dass er mit Maria verheiratet ist, Maria bekommt ein uneheliches Kind, Jesus reißt mit zwölf Jahren von zu Hause aus ...

Das sind ja schöne Geschichten! Doch gerade wegen ihrer Unvollkommenheit wie geschaffen, um uns daran zu erinnern, welche glücklichen Momente und Chancen das Leben bereithält. Gerade dann, wenn man nicht damit rechnet. An irgend einem beliebigen Tag. Vielleicht auch an Weihnachten.

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