Weihnachten : Jeder Ankunft wohnt ein Zauber inne

Das Unsichtbare, hier wird’s Erscheinung: Von der Lust, sich mitunter auf das Übersinnliche einzulassen. Kleiner Versuch über die Weihnachtsgeschichte, mit Seitenblicken auf Sartre, Peter Handke und den Löwen in Sibylle Lewitscharoffs Roman "Blumenberg"

Andreas Schäfer
Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Am Anfang war Weihnachten eine Erscheinung des Stiefvaters: Goyas Gemälde „Der Traum des heiligen Joseph“, um 1770. Foto: bpk/Alfredo Dagli Orti
Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Am Anfang war Weihnachten eine Erscheinung des Stiefvaters: Goyas Gemälde „Der Traum des...Foto: bpk / Alfredo Dagli Orti

Heute endet also der Advent. Advent. Vom Lateinischen Adventus. Ankunft. Das Lexikon sagt: „Advent bezeichnet die Jahreszeit, in der die Christenheit sich auf das Hochfest der Geburt von Jesus von Nazareth, Weihnachten, vorbereitet.“ Vorbereitung, das bedeutet Vorfreude, aber auch, logisch, Vorbereitungsstress. Heute, am Heiligen Abend, befinden sich traditionsgemäß Vorfreude und Stress, Besinnlichkeit und Erwartungsdruck auf dem Höhepunkt und gehen mitunter eine explosive Mischung ein.

Der Advent hat aber noch eine andere Bedeutung. Er geht nicht nur den Gedenkfeierlichkeiten von Christi Geburt voraus, sondern erinnert auch an Jesus’ „zweites Kommen“, an seine „Wiederkunft“ und mit ihr an „die Vollendung der Heilsgeschichte, nämlich das Kommen des Reiches Gottes“. Parusie wird dieses Ereignis genannt. Vom griechischen Parusia, was Ankunft und Wiederkehr bedeutet. Die ersten Christen erhofften diese Wiederkehr noch zu ihren Lebzeiten, später, als sie auf sich warten ließ, wurde sie der Einfachheit halber auf den jüngsten Tag verschoben. Noch später löste man das Problem geschickt, indem man sich auf die andere Bedeutung von Parusia konzentrierte, denn es heißt auch: Anwesenheit. Man braucht also auf das, was kommt, nicht mehr zu warten, weil es sowieso schon anwesend ist. Die Wahrheit ist: Weihnachtsvorbereitungen sind gar nicht nötig, weder das Entgegenfiebern, noch die Sorge, pünktlich mit allem fertig zu werden, denn: Alles ist schon da! Wie erleichternd.

Natürlich ist im christlichen Sinn die Anwesenheit Gottes gemeint, aber vielleicht ist heute, wo immer mehr Menschen zwar von Religiosität sprechen, aber das G-Wort scheuen, die weniger pompöse, pure Anwesenheit passender. Als Kompromissbegriff, der sowohl gelegentliche spirituelle Erfahrungen als auch einen atheistisch geprägten Durchschnittsalltag umfasst. Wenn man zum Beispiel den gestressten, mit Geschenktüten beladenen Mann in der Fußgängerzone fragt, warum er den Weihnachtswahnsinn mitmache, ob er tatsächlich an Gott und Jesus von Nazareth usw. glaube, wird man vermutlich oft zu hören bekommen: Nein. Aber die Kinder. Und dann, leicht verdruckst: Irgendwie spüre er natürlich schon, dass da noch mehr sei. Etwas anderes, etwas, das man nicht sehen kann.

Anwesenheit ist dafür ein schönes und ein praktisches Wort. Weil es etwas sagt, ohne es zu verraten. Weil es etwas Gegenwärtiges meint, das sich aber im Zeigen gleichsam versteckt, falls so etwas möglich ist. Man merkt sofort, eine komplizierte Sache. Man sollte das Wort nicht zu lange anstarren, sonst blickt es immer ferner und mit einem irgendwie hämisch unbeschreiblichen Ausdruck zurück. Am besten, man nähert sich von der Seite, blickt eher aus dem Augenwinkel.

In Platons „Phaidon“ kommt die Parusie als Anwesenheit auch vor und beschreibt das Verhältnis zwischen Idee und Ding. „Nichts anderes macht ein Ding schön als die Anwesenheit eben jenes Schönen oder die Gemeinschaft mit ihm ... oder wie immer man dies nun nennen will.“ Selbst Platon hatte Beschreibungsschwierigkeiten.

Vielleicht hilft Sartre weiter, der die Verhältnisse auf diversen Ebene bekanntlich etwas prosaischer sah. Der Kunsthistoriker Hans Dieter Huber schreibt in einem Aufsatz mit dem schönen Titel „Die Abwesenheit des Anwesenden oder Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren“: „Spätestens seit Sartres ,Das Sein und das Nichts‘ weiß man, dass die Dinge niemals vollständig wahrgenommen werden können, sondern immer nur in fragmentarischen Ausschnitten und Abschattungen. Der Grund dafür liegt in der Perspektivität unserer Erfahrungen und in der Begrenztheit unserer Existenz. Jeder wahrgenommene Gegenstand steht daher in einer fundamentalen Beziehung zum Sichtbaren wie zum Unsichtbaren. Seine Oberflächen sind zugleich die Grenzen zum Unsichtbaren, das an ihnen haftet, bzw. zum Nichts, das an sie grenzt.“

So nebenhin aus den Augenwinkeln gelesen, könnte man den Abschnitt sehr frei vielleicht so übersetzen: Wer etwas über Anwesenheit verstehen will, muss vor allem über die Abwesenheit sprechen. Aber wer von der Abwesenheit spricht, landet unwillkürlich auf dem Feld der Kunst und der Literatur, dessen Funktion von jeher darin besteht, als „Stellvertreter des Abwesenden“ zu fungieren und Unsichtbares sichtbar zu machen. Huber beschreibt eine Staubskulptur des Künstlers Erwin Wurm, der ein Holzstück auf den Boden legt und dieses und den angrenzenden Boden mit Hausstaub bedeckt. Dann wird das Holzstück wieder abgehoben, und es entsteht eine „sich von außen nach innen verdichtende Form aus Staub, die mit einer harten Grenze auf die ausgesparte Innenform trifft.“ Das Holzstück ist zwar weg, trotzdem ist dort, wo es vorher war, jetzt nicht nichts. Aber was?

Ähnlich arbeitet in seinen früheren Texten auch Peter Handke, der große Anwesenheitsbeschwörer der deutschen Nachkriegsliteratur. Er versucht, Dinge in ihrer reinen Form zu vergegenwärtigen, Gefühle von Zusammenhang zu evozieren oder Sinnhaftigkeit aufblitzen zu lassen, in dem er den Rändern der Dinge, ihrem Umriss Aufmerksamkeit schenkte oder den Blick auf die schon berühmt gewordenen „Zwischenräume“ richtete. Er entwarf mit solch einer Ausdauer leere, zeitloses Landschaften oder Räume der „Abwesenheit“ (wie eines seiner Bücher heißt), bis das Evidente keine Chance mehr hatte, sich zu verstecken, und gezwungen war, aus dem Schatten von Wüstengeröll oder dem Rascheln trockener Steppengräser hervorzutreten.

Etwas wunderlicher geht es in Sibylle Lewitscharoffs großartigem, in diesem Herbst erschienenen Roman „Blumenberg“ zu. Da ist etwas anwesend und sichtbar, was eigentlich gar nicht da sein dürfte! Eines Nachts lagert plötzlich ein leibhaftiger Löwe in der Studierstube des Philosophen. „Der Löwe war da. Habhaft, fellhaft, gelb.“

Der erstaunte Blumenberg hat Respekt vor dem Tier, denkt aber gleich eitel:

„Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht.“ Dabei muss er angesichts der Tatsache, was ihm da „von lässiger Hand auf den Teppich gelegt“ wurde, kurz die Augen schließen. Dann macht er sich an seine gewohnte Denk- und Analysearbeit. Er versucht, den Löwen zu verstehen, aber es gelingt nicht. Der Löwe ist mit keinem der Löwen vergleichbar, die ihm einfallen: „Der Löwe des Psalmisten, brüllend ... Das Symboltier des Evangelisten Markus“ oder das „fromme Tier des Hieronymus im Gehäus“.

Kein Wunder, möchte man da mit Pater Raniero Cantalamessa sagen, der vor einigen Jahren in einer Predigt vor dem Papst über den Unterschied zwischen „dem Gedanken der Gegenwart Gottes“ und dem „Gefühl seiner Anwesenheit“ sprach. „Der erste“, so meint er, „hängt von uns ab, der zweite ist aber ein Geschenk der Gnade, die nicht von uns abhängig ist.“ Ganz klar, Sibylle Lewitscharoff spielt mit diesem Motiv des Gnadengeschenks aus „lässiger Hand“, angesichts dessen der Denker Blumenberg die Waffen strecken muss; sein Erinnerungsvermögen und damit in gewisser Hinsicht auch die Zeit sind aus den Angeln gehoben. Er kann den leibhaftigen Löwen nur staunend zur Kenntnis nehmen. Lewitscharoff erzählt dies mit einer ins Putzige tendierende Ironie, sie steckt das Unerhörte in ein verharmlosendes Kleid der Verspieltheit. Doch es ist ihr ernst. Bei der Beschreibung des Löwen geht sie streng, mit dem Ernst der Mystikerin vor. Auch sie vergegenwärtigt durch den ausgiebigen Gebrauch der Verneinung. Dem Löwen werden Attribute nicht zu-, sondern abgeschrieben! So geht „weder ein Ruch, noch ein Ungeruch“ von ihm aus, er scheint „nicht zu träumen“ und gefährlich, das ist er wohl auch nicht. Der Löwe sieht Blumenberg auch nicht an, sondern „schaut durch ihn hindurch“. Sibylle Lewitscharoff geht aber noch einen Schritt weiter. Blumenberg verlässt das Zimmer, um zur Post zu gehen, und als er zurückkommt, ist der Löwe – weg. Wörtlich, und auf diese Feinheit kommt es an, heißt es: „Als er zurückkehrte, fehlte der Löwe.“ Wie das Holzstück in Wurms Staubskulptur.

Deshalb (oder trotzdem), glaubt Blumenberg, war der Löwe auch kein Fabellöwe oder gar ein Trugschluss. Nein, denn selbst dieser abwesende Löwe kommt doch „in etwas vor und ist damit auf eine neue und andere Art der Fall“. Für Blumenberg beglaubigt seine plötzliche Abwesenheit sein vormaliges Da-Sein sogar noch, sie ist Teil, die Rückseite seiner rätselhaften Existenz. Der Löwe, ob sichtbar oder nicht, gehört dazu.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum Blumenberg selbst den abwesenden Löwen für anwesend hält. Weil er ihn benannt hatte. Und was benannt ist, ist in der Sprache, ohne da zu sein. „Die Sprachspiele der Weltbenenner holen den Löwen ins Dasein und Leben zurück“, denkt er stolz.

Ob das „Gefühl der Anwesenheit“ tatsächlich eine Sache der Gnade ist?

Auch Meister Eckhart hätte da Zweifel anzumelden. Für den Mystiker aus dem 13. Jahrhundert bildete sich ein solches Gefühl nicht durch einen blitzhaft von oben einfallenden Gnadenblitz, sondern durch die Geburt Gottes im Inneren jedes Einzelnen, im „namenlosen Seelengrund“, der, „so wie Gott, nicht benannt werden kann“. Allerwichtigste Voraussetzung für diese Gottesgeburt war ihm die Gelassenheit. Im gebräuchlichen Sinn von Ruhe bewahren, aber auch in einem weiteren Sinn von sich und den anderen sein lassen. Denn dann geschieht das Wunder, das kein Wunder ist, wie von allein: „Wenn du also dazu kommst, dass du um nichts mehr Leid noch Kummer trägst und dass dir alles eine reine Freude ist, dann ist das Kind in Wahrheit geboren.“

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