Kultur : Weihnachten riecht nach Raumspray

Russisches Brauchtum und Berliner Gewohnheiten: ein Feiertagsgespräch mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer

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Herr Kaminer, Sie erleben nun schon ihr zwölftes Weihnachten in Deutschland und haben in ihren Büchern bereits mehrfach darüber berichtet.

Oh ja, die Deutschen sind verrückt nach Weihnachten. Man kann als Autor in Deutschland schon alleine davon leben, dass man Weihnachtsgeschichten schreibt.

Sie übertreiben.

Ein bisschen. Aber im Ernst: Ich schreibe jedes Jahr eine Weihnachtsgeschichte. Meine erste Veröffentlichung in Deutschland hieß „Wie die Russen Weihnachten feiern“. Ich habe die Leser der „taz“ darüber aufgeklärt, wann die Russen Weihnachten feiern .

Würden Sie das bitte auch den Lesern des Tagesspiegels erklären?

Sie meinen den Termin? Da muss ich meine Frau fragen, die kennt sich da besser aus. (Holt sein Handy aus der Tasche und ruft seine Frau an.) Also, meine Frau sagt, wir Russen feiern erst um den 6. Januar herum Weihnachten. Das verdanken wir dem Zaren. Vorher liefen alle nur so herum, tranken Alkohol ohne jeden Anlass und machten, was sie wollten. Dann kam Peter der Große und wollte Russland zivilisieren. Er hat die europäische Weihnachtskultur eingeführt und den Russen beigebracht, dass sie sich eine Tanne aus dem Wald holen, sie dekorieren, sich rasieren und mindestens bis Mitternacht Kaffee trinken müssen.

Und danach?

Danach dürfen sie zum Wodka übergehen. Aber erst nach zwölf, das war sehr wichtig.

Und das machen Sie bis heute so?

Ja. Aber heute geht das Feiern schon früher im Jahr los, nämlich am 20. Dezember. Dann ist der Nationale Tag der Staatssicherheit. Den hat uns Vladimir Putin geschenkt.

Wie muss man sich diesen Feiertag vorstellen?

Nun, da fangen alle an einzukaufen, und dann trinken sie auf die Männer und Frauen der Staatssicherheit. In Russland verbinden alle etwas mit der Staatssicherheit. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die eine Hälfte der Bevölkerung hat für sie gearbeitet, die andere wurde von ihr unterdrückt. Na ja, so ungefähr jedenfalls.

Das haben Sie in ihrem Buch „Die Reise nach Trulala“ beschrieben. Aber was machen die Opfer der Staatssicherheit an diesem Tag?

Die trinken auch und freuen sich, dass die Unterdrückung vorbei ist.

Das klingt, als wäre jeder Anlass zum Trinken willkommen.

Sie müssen bedenken, dass in Russland der Winter sehr hart ist. Es ist so bitterkalt, dass man im Grunde gar nicht ohne Alkohol überleben kann. Wenn man aber ohne jeden Grund trinkt, dann wird man erst recht zum Alkoholiker, und alles geht den Bach runter. Aber mit einem feierlichen Anlass, wenn alle gemeinsam trinken, alle 140 Millionen Russen rund um einen Tisch, dann ist das etwas anderes.

Auf diese Weise lässt sich der Prozess der Zivilisation sehr schlüssig erklären. Aber wie geht das praktisch vor sich?

Nun, das Fernsehprogramm wird immer bunter und immer feierlicher, es gibt Konzerte und dann kommt der Präsident und sagt der Bevölkerung, dass auch im nächsten Jahr alles gut wird. Wir haben im Winter noch andere Feste, zum Beispiel den Tag der Armee oder den Tag der Flotte. Man trinkt bis zum 6. Januar, da ist dann nach dem alten russischen Kalender Weihnachten.

Das heißt, die Russen datieren ihre Feste nach dem gregorianischen Kalender.

Ich glaube ja, aber fragen wir meine Frau (telefoniert wieder). Ja, stimmt. Das ist der gregorianische Kalender. Danach ist Jesus ein paar Wochen jünger, und danach feiern die Russen. Sie trinken auf Jesus, weil sie sich freuen, dass er geboren wurde. Eine Woche danach feiern sie dann nach dem alten Kalender das Neujahrsfest.

Feiern die Russen anders als die Deutschen?

In Deutschland geht es viel mehr um Abschluss und Neubeginn. Mich erinnert das immer an Buchhaltung. Man macht einen Strich unter das alte Jahr und zählt die alten Rechnungen. Dann guckt man sich die Bilanz an und fragt sich: Ist es wohl möglich, dass wir nächstes Jahr weniger Rechnungen bekommen?

Die Russen tun das nicht?

Nein, es geht ihnen gar nicht so sehr um eine Abrechnung oder um die Hoffnung für das nächste Jahr, sondern nur darum, dass man den harten Winter überlebt.

Wie erleben Sie Weihnachten in Deutschland?

Es gibt hier viele Dinge, die wir in Russland nicht haben. Zum Beispiel die Engel und dieses ganze Zeug, das hat die orthodoxe Kirche alles nicht, glaube ich jedenfalls. Genau weiß ich das nicht, ich bin nicht religiös. Meine Frau weiß auch das besser (ruft zum dritten Mal seine Frau an).

Vielleicht hätten wir lieber mit Ihrer Frau sprechen sollen?

Das sollten Sie mal tun, sie weiß sehr viele Dinge, die ich mir nicht merken kann. Eben hat sie mir gesagt: Die Deutschen produzieren sehr viel schöne Dinge. Die schenken sie sich zum Beispiel zu Weihnachten eine Krippe mit Ochs und Esel. Das ist etwas sehr Deutsches. In Russland kennen wir diese Dinge nicht. Das mag daran liegen, dass wir siebzig Jahre lang keine Religion hatten.

Weihnachten spielt aber eine wichtige Rolle in der russischen Literatur.

Ja , zum Beispiel bei Gogol. Er hat meine Lieblingsweihnachtsgeschichte geschrieben. Sie heißt „Die Heilige Nacht“ und ist eine richtige Horrorgeschichte. Die heilige Nacht war nämlich schon immer mystisch. Die Mädchen gingen in den Wald und trieben allerlei mystische Dinge. Sie fragten dann die Pflanzen oder die Geister: Wer wird mein Traummann sein? Die Kirche hat diesen Termin dann besetzt.

Wie das?

Zu Weihnachten haben die Popen sehr viel zu tun, sie taufen dann neue Autos...

Pardon – Sie tun was?

Das ist in Russland völlig normal. Wenn sich ein Reicher ein Haus kauft oder einen Mercedes, dann lässt er das Haus oder den Wagen taufen. Ein christliches Auto hat mehr Chancen, im Straßenverkehr zu überleben. Die Priester verdienen auf diese Weise ihr Geld, sie stehen ja an fast jeder Tankstelle. Die sind viel pragmatischer als in Deutschland. Manche verkaufen auch steuerfreie Zigaretten.

Haben Sie Kindheitserinnerungen an Weihnachten?

Ich komme aus einer jüdischen Familie. Wir waren aber nicht religiös und haben wie alle Russen das Tannenbaumfest gefeiert. Mein Vater ging dann immer mit einer Axt in den Wald. Manchmal, wenn er keine Lust hatte, hat er stattdessen einen Baum gekauft. Am Waldrand standen immer ein paar Männer und haben Tannen an lustlose Familienväter für ein paar Rubel verkauft. Es gab keine Toiletten und die Männer standen dort den ganzen Tag. Die Tannen stanken darum oft nach Urin. Mein Vater hat dann so ein sowjetisches Duftspray darauf gesprüht, das eigentlich auch nicht anders roch. Aber zusammen haben sich beide Gerüche neutralisiert. Das sind so meine Erinnerungen.

Wie feiern Sie in Berlin Weihnachten?

Ich habe eine Tanne zuhause, das ist das Schönste. Mein Vater lebt jetzt auch in Deutschland. Als er neu hier war, ist er wie immer mit seiner Axt in den Wald gegangen, aber das gab Ärger mit den Deutschen. Seitdem kaufen wir den Baum. Die Kinder freuen sich trotzdem darauf. Dann sitzen wir mit Freunden um die Tanne herum, und alle freuen sich. Aber ich weiß noch immer nicht genau, was die Deutschen zu Weihnachten machen. Vielleicht machen wir das falsch?

Nein, Sie machen das sehr richtig.

Da bin ich froh. Ich finde Weihnachten nämlich wirklich sehr gut. Es ist ein schönes Fest. Die Menschen kaufen die Läden leer, trotz der Wirtschaftskrise. Dann pfeifen sie auf alles, gehen nicht zur Arbeit und machen ihre Geschäfte zu. Das Fernsehen sendet erfreuliche, nichtssagende Bilder. Das alles gefällt mir sehr gut. Sagen Sie Ihren Lesern, dass ich allen Berlinern frohe Weihnachten wünsche und ein glückliches neues Jahr.

Die Fragen stellte Bodo Mrozek.

Am 28. Dezember findet die nächste „Russendisko“ mit Wladimir Kaminer im Kaffee Burger statt, in der Torstraße 60 (Mitte).

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