Weihnachten : Stille Nacht, eisige Nacht

Eine ungewöhnliche Art des Glaubenskampfes: Bei den einen beziehen die Kinder ihre Geschenke vom Weihnachtsmann, bei anderen kommt das Christkind.

Norbert Hummelt

Es war beim Frühstück Anfang Dezember, als mir klar wurde, dass wir ein kleines kulturelles Problem haben. Johanna brachte urplötzlich den Weihnachtsmann ins Spiel, von dem sie stark hofft, dass er ihr eine Puppe bringen wird. Ich war sprachlos. Welcher Weihnachtsmann? Hat sie das von ihrer Mutter? Unmöglich, denn auch im evangelischen Bergischen Land kam das Christkind, wie früher bei uns am katholischen Niederrhein. Dass es in weiten Teilen der Welt und eben auch hier in Berlin anders ist, zumal in Prenzlauer Berg, wo 91 Prozent konfessionslos sind, muss mich nicht wundern, auch geht Johanna in eine Kita, die es schon zu Ostzeiten gab. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf die sinnliche Überzeugungskraft der Religion zu verlassen, mit der ich aufwuchs und deren Relikte ich auch nach zahlreichen Umzügen noch mit mir führe.

Den modrigen Karton, der noch aus dem Krieg stammt, habe ich gegen eine rote Ikea-Kiste getauscht, aber die Krippenfiguren aus meinem Elternhaus sind noch alle da. Das Jesuskind, Maria, Josef, die Hirten, die drei Könige mitsamt Kamel, die teilweise versehrten Schafe, der Hund und das Hirtenfeuer, wenn auch nicht mehr das alte mit der Varta-Batterie. Der Engel der Verkündigung harrt ebenfalls, in Servietten gewickelt, das ganze Jahr über auf seinen Einsatz, vom Felsenpapier, das die echte Bethlehem-Kulisse suggerieren soll, habe ich noch mehrere Bögen. Allerdings werde ich mich wieder mit Teelichten behelfen müssen, die viereckigen Glafey-Lichte, die in die bunten Glaskerzenhalter gehören, gibt es nicht mehr. Aber davon soll Johanna nichts spüren, wenn erst das Glöckchen ertönt, die Tür zum Weihnachtszimmer aufgeht.

Johanna bleibt bis zum Morgen des ersten Feiertages. Dann bringe ich sie zu ihrer Mutter. Es ist das zweite Weihnachten in der Patchworkfamilie. Wir werden es uns schön machen, und ich werde keinesfalls wieder mit dem Vorschlag kommen, den Weihnachtsbaum zur Not wegzulassen, um Stress zu vermeiden. Ich wusste nicht, welche Bedeutung dieser Baum für meine Freundin hat, es war unser erstes gemeinsames Fest, und da sie ja aus Ostberlin und nicht getauft ist, da dachte ich … Inzwischen weiß ich, dass sie nicht mit staatlich verordneter Jahresendzeitflügelpuppe aufgewachsen ist, sondern mit dem Weihnachtsengel. Und nur durch Nachfragen in meiner neuen Familie bringe ich in Erfahrung, dass man schon dunkel einmal von Väterchen Frost gehört hat und vom Jolka-Fest, das in der Sowjetunion in den zwanziger Jahren als atheistische Version des orthodoxen Weihnachtsfestes eingeführt wurde.

Aus derselben Zeit stammt die Werbekampagne für Coca-Cola, als deren Emblemfigur der rot-weiß gewandete Weihnachtsmann sich in unserer globalen Kultur eingenistet hat. Mir würde es reichen, wenn im Herzen meines Kindes das Christkind einen so festen Platz einnehmen würde, dass es den Weihnachtsmann ignorieren oder als das betrachten könnte, was er ist: ein Werbemaskottchen, dessen Fähigkeiten man keinen Glauben schenken sollte. Ein säkularisierter Nikolaus, der weder Bischof noch Heiliger ist. Mögen die anderen Kinder doch ihre Geschenke vom Weihnachtsmann beziehen, mir kommt er nicht ins Haus, bei uns kommt das Christkind. Obgleich das Christkind als Bringer der Gaben eine Erfindung Martin Luthers sein soll, dazu gemacht, die Verehrung des Heiligen Nikolaus einzudämmen, und mithin evangelisch wäre. Allenfalls könnten wir uns darauf verständigen, dass der Weihnachtsmann der Gehilfe des Christkindes ist, weil es nicht alles selbst bringen kann, aber sollte man Kindern Märchen auftischen? Der wahre Gehilfe des Christkindes ist immer noch Knecht Ruprecht.

Warum eigentlich diese ganzen Zumutungen an die Vorstellungskraft? Warum will ich mein Kind mit all dem christlichen Ballast beschweren, der ihm, wenn es ihn glaubt, doch nur Spott und Unverständnis einhandeln wird? Nun, es ist schlicht, weil ich nicht anders kann. Da folgt man seinem Stern. In der Liebe hat man keine Wahl, auch in der Kunst hat man sie nicht. Im Grunde ist alles, was den Menschen zutiefst angeht, von jener wundersamen Wahlfreiheit ausgeschlossen, unter deren Bedingungen wir angeblich leben, von der Waren- über die Medienwelt bis hin zur Politik. Vielleicht liegt das Glück darin, keine Wahl zu haben.

Ich will meinem Kind vom Christkind erzählen, weil es nicht der Weihnachtsmann war, der als Zwölfjähriger im Tempel saß und mit den Schriftgelehrten diskutierte. Weil es nicht der Weihnachtsmann war, der bei einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelte, drei Jahre als Wanderprediger durch Judäa und Galiläa zog und Jünger um sich scharte, „Freunde“, wie es heute abmildernd selbst in mancher Predigt heißt. Weil es nicht der Weihnachtsmann war, der auf einem Esel in Jerusalem einzog, der in der Nacht am Ölberg Todesangst litt, der dann verhaftet, verurteilt und gekreuzigt wurde und über dessen rätselhaftes Verschwinden aus dem Grab die beiden Männer auf dem Weg nach Emmaus sprachen, bis ein Dritter zu ihnen trat und ihnen den Sinn der Schrift aufschloss. Weil ich Johanna das Band zwischen Krippe und Kaufladen so erklären möchte, dass sie einmal den Trost der Evangelien erfahren kann, der größten und wirksamsten Erzählung, die ich kenne.

„Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen“, beginnt Adalbert Stifter seine Erzählung „Bergkristall“, und liefert ein paar Sätze weiter eine Rechtfertigung des Brauchtums, die ich noch immer für beachtlich halte: „Es hat sich in fast allen christlichen Ländern verbreitet, dass man den Kindern die Ankunft des Christkindleins – auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt war – als ein heiteres, glänzendes, festliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt und manchmal noch spät im Alter bei trüben, schwermütigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick in die einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittigen durch den öden, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt.“

Man lese genau: öder, trauriger, ausgeleerter Nachthimmel. In die vermeintlich idyllische Weihnachtserzählung, die von der wunderbaren Rettung zweier Kinder aus dem Gletschereis berichtet, ist genug Verzweiflung, genug Nicht-mehr-glauben-Können eingeschrieben, um jeden Agnostiker zu erweichen. Die Schilderung der vereisten Gipfel ist eine Beschwörung des gleißenden, weißen Nichts, das Irregehen der Kinder eine metaphysische Gratwanderung: „Jenseits wollten sie wieder hinabklettern. Aber es gab kein Jenseits.“ Und doch hat die kleine Sanna, als sie ins kalte Nordlicht blickt, ein Erlebnis, das sie ihrer Mutter nur so erzählen kann: „Mutter, ich habe heute nacht, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.“ Worauf das Kind die Gaben empfängt, von denen es zu Beginn der Erzählung heißt: „Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben ist, dass der heilige Christ zugegen gewesen ist und die Geschenke hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen, schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder auf dem Tische herum gebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit übertreffen.“

Ans Christkind glauben heißt dem Unsichtbaren Kredit zu geben, denn niemals wurde es bei uns gesehen. Der Glaube an den Weihnachtsmann, wie er auch zu meiner Freundin kam, erfordert, falsche Bärte für echt zu halten und zu ignorieren, dass man die Stimme des Nachbarn erkennt. Die Geschichten, die wir kennen, sind verschieden, unser Blick in den Himmel ist es auch, aber wir werden nicht müde, uns darüber auszutauschen. Ich halte es für ein Glück, gewissen Geschichten für eine möglichst lange Zeit in seinem Leben Glauben schenken zu können, der leere Nachthimmel zeigt sich früh genug. Aber erst einmal warten wir auf Schnee. Er wird fallen. Und glatt wird es werden. Auch in Berlin gab es einmal Gletschereis, und die Greifswalder Straße, wo die Straßenbahn fährt, unten vor unserem Fenster, war eine glaziale Ablaufrinne. Auch davon werde ich Johanna erzählen, wenn sie größer ist.

Der Autor lebt als Lyriker, Essayist und Übersetzer in Berlin. 2007 erschien von ihm der Gedichtband „Totentanz“ bei Luchterhand, und er erhielt den Niederrheinischen Literaturpreis.

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