Weihnachtsgeschichte : Heimweg

Heiligabend unterwegs: Eine verfahrene Weihnachtsgeschichte von Florian Beckerhoff.

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Sternfahrt. Reisende auf dem Berliner Hauptbahnhof. Foto: CaroCaro / Muhs

An Gleis drei des Hauptbahnhofs warteten am späten Nachmittag des Heiligen Abends nur noch wenige Reisende auf den Fernzug. Der hatte laut Ansage schon jetzt zehn Minuten Verspätung. Wer jetzt noch ausharrte, hatte keine andere Wahl oder einfach keine Lust darauf, früher anzukommen. Und doch, als der Zug dann gut elf Minuten später als geplant einfuhr, drängten die fröstelnden Reisenden eilig an die Türen. Nur der elegant frisierte alte Herr in Kamelhaarmantel und mit kleiner brauner Ledertasche blieb ruhig. Er stand genau richtig, knapp einen Meter von der Tür zum Speisewagen entfernt.

Kaum hatte der Alte an einem der Zweiertische Platz genommen und Mantel und Tasche auf dem gegenüberliegenden Sitz abgelegt, als auch die übrigen Tische schon besetzt waren. Er bestellte Kaffee. Heißgetränke und Gebäck gab es zum Sonderpreis. Noch vor dem ersten Zwischenhalt bestellte er den zweiten Kaffee und betrachtete die flache Landschaft unter farbloser Dämmerung.

„Ist der noch frei?“, fragte der Junge mit abgeriebenen Jeans, speckiger Lederjacke und verfilzten Haaren, und der Alte machte wortlos eine Geste, die alles bedeuten konnte.

„Warten Sie, ich mache das schon“, sagte der Junge, nahm Mantel und Tasche und brachte sie zur Gepäckablage, wo er alles ordentlich verstaute. Als er zurück an den Tisch kam, schaute der Alte wieder aus dem Fenster. „Sorry“, sagte der Junge. „Ich sitz auch immer lieber alleine.“

Dann schwiegen sie. Immer weniger war von der Landschaft zu sehen, immer klarer spiegelte das Fenster das Treiben im Inneren des Wagens. Der Alte sah, wie der Junge sein Bier trank, und der Junge sah, wie der Alte ziellos in die Dunkelheit starrte.

„Und wie weit müssen Sie?“, fragte der Junge schließlich.

„Bis zum bitteren Ende.“

„Ich auch“, sagte der Junge. „Ich fahre die Strecke zum ersten Mal seit fünf Jahren.“

„Bei mir sind das schon fünfundzwanzig.“

„Fünfundzwanzig?“

„Mein Enkel“, setzte der Alte nach einer kurzen Pause an. „Ich werde mein Enkelkind sehen. Nach seiner Geburt haben wir uns zerstritten, mein Sohn und ich. Das ist jetzt fünfundzwanzig Jahre her. Er ist ein schrecklicher Mensch, aber letztlich ist er doch mein Sohn.“

„Fragen Sie mich mal nach meinem Vater“, sagte der Junge. „Na ja, Familie halt.“

„Ja, Familie halt“, sagte der Alte und sah jetzt dem Jungen direkt und ohne Umweg über das Zugfenster ins Gesicht. Mit zwanzig Minuten Verspätung erreichte der Zug den ersten Halt. Reisende hetzten durch den Speisewagen, beladen mit Geschenken. Mütter richteten die Frisuren der Kinder für die Großeltern, die auf dem Bahnsteig warteten. Der Alte hatte Rotwein kommen lassen, da sie sich jetzt immer besser unterhielten.

„Und dann sind Sie weg, als Ihr Sohn alt genug war?“

„Er war sechzehn, und die Ehe war eine Katastrophe, das ganze Leben in diesem Kaff war ein Albtraum. Ja, da bin ich dann einfach weg.“

„Schon krass“, sagte der Junge.

„Man hat eben nur ein Leben, und besser zu spät neu beginnen als nie. Ich musste da einfach weg, in die Stadt, in die Freiheit. Aber mein Sohn mochte mich auch vorher schon nicht. Da war nichts zu machen. Er war froh, dass er mir endlich vorwerfen konnte, dass ich ihn verlassen hatte.“

„Das wollte mein Vater auch nicht verstehen, dass ich in die Stadt wollte.“

„Sind Sie da denn glücklich?“

„Darauf können Sie einen lassen“, lachte der Junge, und auch der Alte schmunzelte.

Am vorletzten Bahnhof der Reise hatten auch die drei noch verbliebenen Gäste vom Nachbartisch ihr Ziel erreicht. Jetzt stieg niemand mehr zu. Das Personal machte Feierabend. Der Alte hatte gerade noch rechtzeitig weitere vier Fläschchen vom Roten kommen zu lassen.

„Rauchen Sie?“, fragte der Alte.

„Hier?“

„In meiner Tasche ist ein Päckchen. Wären Sie so nett? Ich will zu Neujahr aufhören, müssen Sie wissen. Das ist vielleicht meine letzte Gelegenheit, in einem Zug zu rauchen. Ich habe es immer geliebt, im Zug zu rauchen.“

„Aber warum machen Sie nicht einfach weiter?“, fragte der Junge schon von der Gepäckablage her durch den leeren Speisewagen.

„Sie meinen, in meinem Alter? Noch bin ich nicht tot.“

Dann rauchten sie, ließen die Asche in eine leere Weinflasche fallen. Der Alte lehnte sich zurück, legte den Kopf ein Stück weit in den Nacken und ließ den Rauch in Richtung Decke steigen.

„Wenn man Angst hat oder aufgeregt ist, sind Zigaretten großartig“, sagte er.

„Haben Sie denn Angst?“

„Sie nicht?“

„Ja, es wird schrecklich werden. Ich fahre nur hin, weil mein Großvater kommt. Ich sehe ihn zum ersten Mal.“

Sie schwiegen, sahen sich an, aber sie wussten nicht weiter.

„Mein Sohn hat immer gehasst, dass ich rauche“, sagte der Alte dann.

„Fragen Sie mich mal nach meinem Vater.“

Als der Zug langsamer wurde, draußen die ersten Lichter ihrer Heimatstadt auftauchten, hatten sie lange nicht mehr über ihre Familien geredet. Der Zugführer wünschte frohe Weihnachten und bat sie, nichts Persönliches zu vergessen. Da stand der Junge auf, um ihre Sachen zu holen.

„Warten Sie“, sagte da der Alte und legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Wir haben es doch nicht eilig, oder?“

„Nein, nicht wirklich“, sagte der Junge und setzte sich wieder.

Schweigend erkannten sie das eine oder andere Bauwerk, den einen oder anderen Straßenzug, schließlich das Bahnhofsviertel und das kleine Bahnhofsgebäude aus der Kaiserzeit. Dann sahen sie sich gegenseitig an, als versuchten sie, auch dort etwas Bekanntes zu entdecken. Als der Zug zum Stehen gekommen war, hielten sie noch einen Augenblick inne. Dann erhob sich der Alte und ließ sich vom Jungen in seinen Mantel helfen. Sie stiegen aus und standen schließlich auf dem Bahnsteig.

„Wissen Sie“, sagte der Junge. „Vielleicht sollten wir mit dem nächsten Zug zurück in die Stadt. Ich kenne da einen Laden, der hat immer offen. Heute sollte man doch da sein, wo man hingehört.“

„Ja, wenn man das immer so genau wüsste, wo man hingehört, nicht wahr?“, sagte der Alte. „Aber wo wir schon mal hier sind, sollten wir doch das Beste draus machen, finde ich. Geben Sie Ihrem Vater noch eine Chance. Und vielleicht ist der Großvater ja nicht ganz so schlimm.“

„Ja, klar“, seufzte der Junge. „Ihr Enkel ist sicher auch in Ordnung.“

Während der leere Zug den Bahnhof verließ, schritten sie zum Ausgang. Am Fuß der großzügigen Freitreppe wartete ein einzelnes Taxi. „Wir haben nicht zufällig denselben Heimweg, oder?“, fragte der Junge schließlich.

„Nein, heute nicht“, lächelte der Alte. „Aber heute ist ja auch Weihnachten.“

Der Autor wurde 1976 in Zürich geboren und wuchs in Bonn auf. Heute lebt er in Berlin. Zuletzt ist von ihm der Roman „Frau Ella“ erschienen (List).

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