Kultur : Weill-Musical: Ehe und Scheidung im Beat-Rhythmus

Cordula Däuper

"Eins, zwei; eins und zwei..." Da dröhnen Saxophone und Trompeten aus dem Orchestergraben, auf der Bühne setzen sich 18 Beine in Bewegung. Als Reaktion auf den schwungvollen Beat gar nicht anders denkbar: Die Beine werden hochgeworfen, Wechselschritt, Hüftschwung und Stehen. Im Theater- und Probensaal der Hochschule der Künste strahlt das Bühnenlicht grell und die Stimmung ist konzentriert. Es laufen die Endproben für das Musical "Love Life" von Kurt Weill und Alan Jay Lerner.

"The same thing again", fordert Stanley Walden, musikalischer Leiter der Produktion, und neun Beinpaare nehmen erneut Aufstellung. Zum Abschluss des Kurt-Weill-Festivals der HdK kommt am nächsten Sonnabend der Broadway-Erfolg von 1948 als deutsche Erstaufführung auf die Bühne im Theatersaal in der Fasanenstraße. Und neben dem hundertsten Geburtstag von Weill und dem 25-jährigen Bestehen der HdK wird hier noch ein weiteres Jubiläum gefeiert: Seit zehn Jahren gibt es an der Hochschule den Studiengang Musical / Show. Eine Absolventin der Gründergeneration von 1990 kehrt für "Love Life" an die HdK zurück. Antje Rietz, die mittlerweile schon in vielen deutschen Städten von Aachen bis Neustrelitz aufgetreten ist, singt die weibliche Hauptrolle der Susan Cooper.

"Es ist wie ein Revival meiner Studentenzeit", berichtet die wendige Blondine. Sie habe sich total gefreut wiederzukommen, "vor allem kann ich mit der Regiearbeit von Peter Kock, meinem damaligen Lehrer, ganz viel anfangen". Als Star sei sie nicht von den Studierenden des dritten Jahrgangs - den Gruppendarstellern in "Love Life" - empfangen worden, "aber doch als Profi". Und Profis sitzen auch im Orchestergraben. Das Theater des Westens stellt der HdK seine Musiker für das Festival zur Verfügung. "Wir sind zwar schon gekündigt", erzählt eine Geigerin, "aber erst zum 31. August 2001, bis dahin müssen wir ja noch beschäftigt werden." Und da sie bei "Falco" im Theater des Westens nicht mitspielt, probt sie für das Weill-Musical: "Eine nette Abwechslung".

Als sei das Orchester aus dem Ursprungsland des Musicals eingeflogen worden, hat der Trompeter sein Baseball-Käppi tief in die Stirn gezogen. Ein Schwarzer spielt das Saxophon. "Wir starten beim Boogie-Woogie, Takt 32"; während Dirigent Walden noch an einer Orchesterstelle feilt, stretchen die Mädels auf der Seitenbühne ihre Beine, Schrittkombinationen werden wiederholt. Choreograph Rhys Martin in buntem Hawaihemd und Lederweste korrigiert eine drohende Geste. "Stagefähig" ist hier nur, wer den - scheinbar obligatorischen - amerikanischen Akzent spricht.

Zur Entstehungzeit des Werkes wird Kurt Weill in den USA seinen fremdländischen Zungenschlag als deutscher Emigrant nicht verheimlicht haben können. Ein Wechselspiel über die Kontinente. Seit einem knappen Jahr arbeiten Regisseur Kock und Dramaturg Rüdiger Bering an einer Bearbeitung von "Love Life". Jetzt bezeichnen sie das Ergebnis als "Try-out für eine deutschsprachige Erstaufführung". "Try-out", weil damit alle rechtlichen Hürden und Streitereien mit Verlagen umgangen werden - die vorliegende Fassung ist von niemandem offiziell "abgesegnet". "Try-out" aber auch, weil die amerikanische Tradition im Umgang mit neuen Musicals darauf basiert: Sie werden in der Provinz gezeigt, weiterbearbeitet und dann als neue "Try-outs" aufgeführt, bis die Endfassung, das "fertige" Musical, auf die großen Bühnen kommt.

Welcher Weg "Love Life" bevorsteht, ist so spannend wie offen. Sicher ist, dass es nach den drei Berliner Aufführungen noch einmal im kommenden Frühling beim Kurt-Weill-Fest in Dessau gespielt wird. Ansonsten schwebt die vage Idee einer Wiederaufnahme durch das Theater des Westens über den schwarzen Melonen der Musicaltänzer. Aber jetzt wird erstmal alle Energie für die Berliner Premiere gebündelt. Mehr als zehn Wochen wurde probiert und choreographiert.

Regisseur Kock hat von Anfang an das Sujet des Musicals gereizt. "Es ist schon irre, wie aktuell sich der Librettist Lerner vor über 50 Jahren mit dem Thema Ehekrise und Scheidung auseinandersetzt. Auf der einen Seite ernsthaft, andererseits ironisch gebrochen." "One, two; one, two, three, four...". Ohne Beat kein Musical, ohne crescendo kein Finale, ohne Herzklopfen keine Premiere!

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