Kultur : Weindunkel Guy Deutschers Buch

über die Sprachen der Welt

Rolf Strube

War es dichterische Freiheit, wenn Homer vom „weindunklen Meer“ sprach? Waren die alten Griechen, wie man früher annahm, farbenblind? Wie man heute weiß, ist die uns geläufige Aufteilung der Grundfarben kein Geschenk der Natur. In manchen nichteuropäischen Sprachen werden helle Gelb-, Grün- und Blautöne als Varianten einer Farbe aufgefasst, Braun und Grau – wie im Chinesischen – als schwer zu benennende Sonderfarben marginalisiert. Die Farbwahrnehmung ist überall gleich. Die Sprachen schaffen die feinen Unterschiede und beeinflussen auch das Denken und Assoziationen.

Diesem Problem, mit dem sich heute Sprach- und Kognitionswissenschaften beschäftigen, geht Guy Deutscher in seinem Buch „Im Spiegel der Sprache“ nach. Deutscher, Spezialist für historische Linguistik, führt mit angelsächsischem Humor in die Diversität sprachlicher Welten – und liefert entlegene Beispiele. Etwa das der Matses-Indianer, die bei einem simplen Vorgang wie „sie kamen vorbei“ mit einem Satz klären, wer was gesehen oder von wem gehört hat, wie lange es zurückliegt und für wie wahrscheinlich der Sprecher das Ganze hält. Es ist eine Sprache für geborene Detektive, ihre Genauigkeit wäre sonst nur durch viele Zusatzinformationen zu erreichen.

Sprachen unterscheiden sich nicht in dem, was sie ausdrücken können, so der Linguist Roman Jakobson, sondern in dem, was sie aufgrund grammatikalischer Regeln ausdrücken müssen. In der Sprache der australischen Guugu Yimithirr wurde traditionell jede Richtungsangabe mit geografischen Koordinaten bezeichnet: „Da kommt eine Schlange nördlich von deinem Fuß.“ Aus welchem Grund die Guugu Yimithirr nicht die „egozentrische“ Perspektive einnehmen konnten: „rechts von“ oder „vor deinem Fuß“ – darüber könnte man mit Deutscher ins Philosophieren geraten.

Die Sprachen komplexer Gesellschaften wurden von der Notwendigkeit geformt, die Kommunikation fremder Personen zu erleichtern – durch vereinfachte Formenbildungen. Bevor die Normannen kamen, besaß auch das Altenglische unregelmäßige Verben und ein Drei-Genus-System, von dem nur „he“, „she“, „it“ übrig blieben. In der heutigen Form, betont Deutscher, sei das Englische perfekt für den urbanen Alltag, Beruf und Politik – und dafür, uns vergessen zu lassen, dass wir alle verschiedene Sprachen sprechen. „Sprachen sind nicht kompatibel“, hat die kürzlich verstorbene Übersetzerin Swetlana Geier gesagt. Das wäre ein gutes Motto für Deutschers Buch. Rolf Strube

Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in

anderen Sprachen

anders aussieht. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. C. H. Beck, München 2010. 320 Seiten, 22,95 €.

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