Kultur : Weine nicht, wenn der Regen fällt

Silvia Hallensleben

Dass sich pubertierende Mädchen in gestandene Männer vergucken, kommt gerade im Sommer gerne vor. Kellner, Reiseleiter und Fischer stehen dabei in der Gunst weit oben: Hauptsache, das Objekt der Begierde hat den grob-romantischen Charme echter Männlichkeit. Der Fotograf Cady passt mit Hausboot und Drei-Tage-Bart genau in diese Kategorie. Cady gefällt Janey, und der spendiert dem Mädchen schon mal einen Drink. Als Liebhaber aber ist er bereits vergeben – an ihre Mutter. Die Eroberungslust der Dreizehnjährigen stachelt das nur an.

Neuseeland. Anfang der Siebziger. Ein kleines Strandhäuschen in paradiesischer Lage hat Janeys Vater seiner Familie gebaut. Es sind Sommerferien, und jetzt ginge es darum, die materialisierten Glücksversprechen mit Leben einzulösen. Doch dafür ist es zu spät: Der desolate Zustand der elterlichen Ehe strahlt auf den Rest der Familie aus. Die Mutter (Sarah Peirse), eine herbe Schönheit, tröstet sich mit viel Whisky und einem Liebhaber über das versäumte Leben. Papa versucht, Normalität zu spielen. Janey selbst (Alicia Fulford-Wirzbicki, unser Bild, Foto: Koolfilm) reagiert angewidert auf die Annäherungsversuche der Mutter und bewegt sich mit kokett-aufsässiger Langeweile durch die Tage. Oder sie taucht um die Wette mit dem Brüderchen am Strand. Alles scheint möglich. Doch geschehen will nichts.

Janeys noch kindliche Stimme trägt uns in die Geschichte, aus ihrer rückblickenden Perspektive ist der Film erzählt. Und auch bildlich gelingt es der Videoclip- und Werbefilmerin Christine Jeffs , in ihrem Debütspielfilm Erinnerung zu beschwören – mit Slow-Motion-Sequenzen, visuellen Verzerrungen und anderen Tricks. Rain , die Verfilmung eines gleichnamigen Romans von Kirsty Gunn, wurde in 32 Tagen bei bitterer Kälte an Originalschauplätzen gedreht – ein leises Drama bürgerlichen Familienlebens, ein Sommergewitter, das die Herbstfröste ankündigt. Doch noch hängen die Himmel schwer über dem Wasser, als wollten sie jeden Moment implodieren.

Dass diese Spannung sich ausgerechnet in einem schicksalhaften Doppelknall entlädt (und auch: wie dies geschieht), verhindert, dass „Rain“ ein wirklich großer Film wird. Der Kunstgriff wirkt wie ein moralischer Kurzschluss: Als hätte die Autorin sich vor der Konsequenz ihrer eigenen Geschichte gefürchtet.

In Berlin in der Filmbühne am Steinplatz (OmU), fsk (OmU), Hackesche Höfe.

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