Kultur : "Weiser": Es geschah am hellichten Tag

Susanna Nieder

Hat Elka damals wirklich den ganzen Sommer über dasselbe rote Kleid getragen? Auch an dem Tag, an dem alles in die Luft flog und die Kindheit unwiderruflich vorbei war? Und die Leiche von Dawid? Sie wurde nie gefunden. Was genau ist passiert an jenem Tag vor über 30 Jahren?

Das menschliche Gedächtnis ist zu grobmaschig für den feinen Sand der Erinnerung: Pawel (Marek Kondrat) kann die Kindheitsfreunde aufsuchen, alte Fotos durch die Lupe betrachten, aber die Geschehnisse des Sommers 1967 rinnen ihm durch die Finger. "Das Kleid war blau", sagt Elka (Krystyna Janda). "Lass mich in Frieden", schnauzt Piotr (Piotr Fronczewski). "Dawid kommt! Er ist schon hier!", flüstert Szymek (Krzysztof Globisz) heiser, bevor er am Herzinfarkt stirbt.

Wer war Dawid Weiser? Ein kindlicher Scharlatan? Ein "Philosoph", wie Elka damals sagte? Ein Rattenfänger, der die anderen herausforderte, mit ihm am Abgrund entlang zu balancieren? Jedenfalls war er Jude und damit dem polnischen Antisemitismus der späten sechziger Jahre ausgesetzt. Pawel stand beschämt daneben, als die anderen Jungs den Freund verprügelten. Doch es war Elka, die dazwischenging und Dawid als erste auf seinen abenteuerlichen Streifzügen folgte.

Vorsichtig nähert sich Wojciech Marczewski (Regie und Buch) dem Geheimnis jenes Sommers. Unter Dawids Führung treiben die Kinder immer gefährlichere Spiele, legen sich unter einen Flieger auf die Landebahn, springen erst im allerletzten Moment von den Eisenbahnschienen, sprengen mit Dynamit aus einer verlassenen Munitionsfabrik alte Gebäude in die Luft. Auf der Schwelle zum Erwachsenwerden ist die Welt ein Pulverfass, und Marczewskis jugendliche Darsteller (Olga Frycz als furchtlose, lockende Elka, Maciej Jaszczuk als zögernder Pawel, Andrzej Basiukiewicz als zorniger, undurchdringlicher Dawid, Rafal Bednarz als Piotr und Kuba Wozniakowski als Szymek) legen eine unerhörte Spannung in ihr Spiel.

"Weiser" (nach dem Roman "Dawid Weiser" von Pawel Hueller) ist ein Film über die Stellen, wo der Stoff der Wirklichkeit brüchig wird und eine andere, schwer greifbare Welt durchscheint. Schon nach der Katastrophe war die Wahrheit nicht aus den Kindern herauszubekommen. In der Erinnerung werden die Lücken größer, Wirklichkeit und Mythen fließen ineinander zu beunruhigend flirrenden Bildern.

Marczewski ist kein Mann für einfache Lösungen. Er hat nur wenige Filme gemacht, weil er bestimmte Kompromisse nicht eingehen will. Seine Karriere wurde 1982 mit der Verhängung des polnischen Kriegsrechts lange Zeit unterbrochen, stattdessen unterrichtete er Regie in ganz Europa; Thomas Vinterberg ("Das Fest") hält ihn für seinen besten Lehrer. "Weiser" ist Marczewskis erster Film seit zehn Jahren - eine aufregende Geschichte, weil sie auf jede klare Aussage verzichtet. "Wir verhalten uns unser Leben lang wie Schulkinder", sagt Marczewski. "Wir antworten, um dem Lehrer zu gefallen, auch wenn es gar keine Antworten gibt." In "Weiser" bleibt nur ein verschwommenes Bild. "Hat Dawid Weiser existiert?" fragt Pawel, der Verzweiflung nahe, eine junge Frau auf dem Einwohnermeldeamt. Auch sie kann nur mit den Schultern zucken. Denn das Leben ist keine Frage von Beweisen.

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