Kultur : Weiß nicht, was soll es bedeuten

Zwei Ausstellungen in Frankfurt und Hamburg beschwören die Rückkehr der Romantik in die aktuelle Kunst

Nicola Kuhn

Ein neuer Geist geht um in der Malerei. Galeriebesuchern, dem Messepublikum ist er länger schon aufgefallen. Als Erstes hatte ihn die Berliner Kunstzeitschrift Monopol dingfest gemacht und offiziell benannt: Neo-Mystizismus. Museumskuratoren hatten da bereits die Spur aufgenommen. Die Ergebnisse ihrer Recherche sind nun in zwei Ausstellungen zu sehen. Die Frankfurter Schirn-Kunsthalle zeigt 13 Positionen unter dem Titel „Wunschwelten“ und beschwört damit die Wiederkehr der Romantik in der Kunst. Das Museum für Gegenwart in Hamburg vereint 14 „Geschichtenerzähler“, die sich in ähnlicher Weise im Märchenhaften, Mystischen verlieren.

Die Geschichte der jüngsten Malerei ist damit um ein weiteres Kapitel fortgeschrieben, nachdem zuletzt die Wiederkehr der frühen Moderne als ein anderer gemeinsamer Nenner galt. Bei solchen Etiketten besteht allerdings die Gefahr der Verallgemeinerung. Dabei sind die Kunstscouts einem bemerkenswerten Phänomen auf die Spur gekommen: der Weltflucht junger Künstler in Zeiten politischer und ökonomischer Verunsicherung. Das Gleiche lässt sich auch in Mode und Design konstatieren. Die Maler reagieren allerdings auch auf den Hyperrealismus der Neunzigerjahre. Sie erteilen dem Dokumentationsboom, der die letzten beiden Documentas und auch die jüngste Berlin-Biennale prägte, eine Absage. Darin kam die Kunst dem Leben gefährlich nahe, drohte in Journalismus und Sozialrecherche unterzugehen.

Dieses Risiko besteht für Peter Doig und Co. mit Gewissheit nicht. Der schottische Maler (Jahrgang 1959) ist die Vaterfigur der in Hamburg und Frankfurt vereinten Künstler, in beiden Ausstellungen bildet er mit seinen Großformaten das Leitgestirn. Seine Spur ist leicht zu verfolgen: In London, woher viele der am Main gezeigten Positionen stammen, studierte er selbst Malerei. Hier feiert gerade Saatchi in seinem Sammlermuseum mit Traumszenarios aus der Werkstatt Doig den „Triumph der Malerei“. In Hamburg unterrichtete Doig zeitweilig an der Akademie und prägte damit auch das Werk eines Till Gerhard (Jahrgang 1971). Auch in dessen Landschaften tauchen rätselhafte, weiß gewandete Mädchenfiguren auf. Die schlierigen Farben, mal magentarot, mal grellgrün, besitzen die gleiche toxische Aura. Der Betrachter weiß nie so recht, ist die Idylle ernst gemeint, sind die beliebten Bootsmotive tatsächlich so harmlos, wie sie scheinen. Oder spielt sich gleich ein Verbrechen ab.

Gerade darin besteht der Unterschied zur Romantik eines Caspar David Friedrich oder Philipp Otto Runge, auf die sich die jungen Künstler explizit berufen. Sie malen keine inneren Landschaften, wie Friedrich das noch in seinen Briefen und Bekenntnissen vor 200 Jahren forderte. Abgeklärt wie diese Neo-Romantiker sind, beziehen sie sich bewusst auf die äußere Realität, verarbeiten Ausschnitte aus Zeitungen, Magazinen, Filmen. In ihren nur auf den ersten Blick verklärten Sujets schwingt immer auch ahnungsvolle Wirklichkeit mit. In den heiter-harmlosen Szenen Kaye Donachies (Jahrgang 1970) mit halbnackten Jugendlichen, die sich im Wald vergnügen oder ums Lagerfeuer hocken, verbirgt sich sogar Vergangenheitsbewältigung. Als Kind von Woodstock-Eltern befragt die junge Britin Filmmaterial jener Jahre, immer auf der Suche nach deren Mythos, der damaligen romantischen Ursprungsidee. Dass sich auch hinter Love & Peace das Grauen verbergen kann, verrät nur in Andeutungen ihr Gemälde mit Mitgliedern der Manson-Family.

Das Motiv Pubertierender in der Natur gehört für diese Weltflüchtlinge zum bevorzugten Sujet. Ihr Star ist der Amerikaner Hernan Bas (Jahrgang 1978), um den sich derzeit die Sammler reißen. Auch ihn lässt Saatchi bei sich triumphieren. In Frankfurt ist gleich ein ganzes Dutzend seiner Pastoralen zu sehen, bei denen sich zartgliedrige Burschen auf Waldlichtungen begegnen. Damit bewegt sich Bas scharf an der Grenze zum Sentimentalen, das Missverständnis ist vorprogrammiert. Am meisten hat mit diesem Vorwurf der Berliner Uwe Henneken (Jahrgang 1974) zu kämpfen, dessen splitternackte Schmetterlingsfrau den Katalog der Schirn-Schau ziert. Das wäre doch wohl der Stil juveniler Autolackierer, musste sich Schirn-Direktor Max Hollein prompt sagen lassen. Wer die weiteren Bilder Hennekens in der Ausstellung studiert, erkennt jedoch schnell die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Mitteln der Malerei – ob man sie mag oder nicht, wie jenen furiosen Farbwirbel, der in seinem „Maelstrom“-Bild den Fin-desiècle-Maler Fernand Knophff umtost.

Die neuen Romantiker, diese Nachwuchsmystiker zielen mit ihrer emotionalen Kunst bewusst auf Affekte und zwingen das Publikum zu einer Positionierung. Einen Peter Doig muss man lieben. Oder der Betrachter hadert bei jedem seiner Bilder mit dem Kitschverdacht. Frankfurt und Hamburg verleihen dieser den Kunstmarkt gerade überschwemmenden Malerei nun die musealen Weihen. Bei aller Liebe, bei aller Sehnsucht – es bleibt ein arg süßlicher Geschmack.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main, bis 28. August; Katalog (Hatje Cantz Verlag) 24,80 Euro. Kunsthalle Hamburg, bis 21. August; Katalog 9,80 Euro.

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