Kultur : Weiß wie Schnee

H. P. Daniels

In den achtziger Jahren schrieb Sven Regener noch englische Texte, die er mit starkem deutschen Akzent düster und manisch vortrug. Nach fünf LPs fing er plötzlich an, deutsch zu texten, entspannter zu singen - und Element Of Crime wurden immer beliebter. Ohne den Versuch, je hip oder cool zu sein. Eine erstaunliche Karriere.

"Romantik" heißt das hübsche elfte Album. Doch ob die unselig unwirtliche Berliner Arena zur Romantik taugt? Auf der Bühne dezentes Blaulicht. Regener im dunklen Anzug freut sich über den Jubel, wirft die Arme hoch. Boxerpose. "Sveeeeen Regener!" Dann tritt er ans Mikrofon. Flankiert von zwei Gitarristen, einem Bassisten. Und am Schlagzeug Herr Pappik, der so gar nicht pappig klingt. Sie spielen hervorragend. Entspannt, ruhig, unaufdringlich. Und man versteht sogar, was Regener singt: "Sag mir morgen früh nochmal, dass wir glücklich sind, wer zu lange in die Sonne sieht wird blind." Betörende Liebeslieder ohne eine Spur von Peinlichkeit. "Hey, Romantik!" ruft er in die unromantische Halle. Und unzählige Paare schmiegen sich aneinander, wiegen sich im Rhythmus einer bezaubernden Musik, wagen ein verträumtes Tänzchen.

Traumhaft vermischen sich Jacke und Hose, Rock und Chanson. Anklänge an Kurt Weill mit dem Samt der Velvet Underground. J.J. Cale mit F.J. Degenhardt. Tief twängende Surfgitarren mit Mariachimelodien. Sven Regener dreht sich zur Seite, zeigt Profil und Format, drückt das Kreuz durch und die Trompete schräg nach oben. Feierlich, melancholisch, strahlend. Jakob Ilia tastet seltsam keyboardartige Klänge aus der Telecaster. Oder knuffige Rocksounds, bottleneckend, schwirrend, sirrend.

Das Publikum ist hin und weg von soviel Schönheit, Charme, Romantik. Und draußen, vor der Arena, fällt der Schnee wie Watte.

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