Kultur : Weiß wie Schnee

Berliner Philharmonie: Nagano und Yvonne Loriod- Messiaen

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„La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ“ von Olivier Messiaen ist ohne Zweifel ein Werk, das zum ästhetisch Erhabenen drängt. Der Philosoph Nicolai Hartmann sieht diese Kategorie unter den Künsten am reinsten in der Musik und in der Architektur verwirklicht, „in der Tiefe der seelischen Dynamik“ beziehungsweise in stiller Ruhe. Da trifft er sich mit dem französischen Komponisten: Die Musik eigne sich am ehesten, religiöse Wahrheiten auszudrücken. Wenn Messiaen aber über seine „Musik der Farben“ spricht, vergleicht er sie mit Rosetten mittelalterlicher Kirchen. Eine packende Handlung zu erstreben, liegt dem Oratorium „Die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus“ fern.

Und doch: Eine Aufführung wie die des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter seinem Chefdirigenten Kent Nagano mit dem fabulösen Rundfunkchor Berlin, aus dessen Reihen die Solisten Ulrich Löns und Georg Witt hervortreten, bezwingt das Publikum. Seine Einführung muss Habakuk Traber gleich zweimal geben, weil der Hörsaal den potenzierten Wissensdrang räumlich auf einmal nicht fasst. Das Aufgebot an Sängern und Instrumentalisten strapaziert das Podium der Philharmonie. Dabei ist die biblische Szene der Verklärung Christi auf einem Berg, wo der Gottessohn zusammen mit Moses und Elias seinen drei Jüngern in himmlischem Glanz erscheint, eher Mysterium als kulinarische Klangschwelgerei: „Seine Kleider wurden weiß wie Schnee.“ Der einstimmige Chor der Tenöre öffnet sich bei dem Wort „transfiguratus“ (verklärt) zum Bogen.

Im Gesamtplan von 2 mal 7 Teilen wechseln Evangelientexte mit betrachtenden Elementen aus Thomas von Aquin und Altem Testament. Unter den Psalmen erklingt auch „Quam dilecta“, der von Schütz bis Brahms favorisierte Text „Wie lieblich sind deine Wohnungen“. Es ist wichtig, sich auf das Konglomerat aus Glocken, verfremdeter Gregorianik, Vogelstimmen, starkem Unisono und Illustration mit Bedacht einzulassen. Sonst verliert sich der Hörer in einem nebulosen Klangstrom. Zu entdecken aber ist eine eigene Dramaturgie der Partitur, die nicht anders kann, als in Choräle zu münden und mit dem Lobgesang der Menschen auf die Vogelkonzerte der Schöpfung und ihres Predigers Messiaen zu antworten. Dass unter den sieben Solisten für den Klavierpart noch immer Yvonne Loriod-Messiaen einsteht, stützt den Messiaen-Jünger Nagano mit einer Aura des Authentischen. Sybill Mahlke

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