Kultur : Weiß

Trauma des Krieges: Ugur Yücels „Yazi tura“

Daniela Sannwald

Es herrscht Dunkelheit in diesem Film, drinnen wie draußen. Nur sein Anfang und Ende in karger Berglandschaft spielen in blendendem Licht. Schlimmer aber als die Dunkelheit ist das Weiß des Schnees in den anatolischen Bergen.

„Yazi tura – Kopf oder Zahl“ erzählt von zwei Veteranen des Kurdenkrieges, die 1999 psychisch und physisch gehandicapt zurückgekehrt sind. Ridvan, ein ehemaliger Fußballspieler, kommt ohne Bein in seinem osttürkischen Heimatdorf an, aber die Nachbarn und Freunde meiden ihn, weil er nicht mehr derselbe ist, selbst seine Braut hat Angst vor ihm. Und Cevher, der Istanbuler Kleingangster, kann auf einem Ohr nichts hören und ist schwer klaustrophobisch. Ruhelos hetzt er durch die Straßen, auch er auf der Suche nach seinem alten Leben.

Ridvan trinkt, Cevher ist kokainsüchtig. Und die Einsamkeit in der kargen winterlichen Einöde des Dorfes ist genau so entsetzlich wie in der quirligen Millionenstadt am Bosporus. Die Männer, die der Krieg zusammengeschweißt hatte, verlieren sich im Zivilleben aus den Augen; ihre Geschichten werden nacheinander erzählt und schließlich wieder miteinander verknüpft. Am Ende weiß man, was die beiden traumatisiert hat.

Der Filmemacher Ugur Yücel ist einer der beliebtesten türkischen Komödiendarsteller, auch als stand-up comedian im Fernsehen hat er sich einen Namen gemacht. In seinem Spielfilmdebüt als Regisseur gibt es jedoch nichts zu lachen. „Yazi tura – Kopf oder Zahl“ ist ein bitteres Drama, das mit jeder Wendung des Plots noch bitterer wird. Der Film kann sich durchaus mit berühmten Veteranenfilmen wie Wylers „The Best Years of Our Lives“ (1945) oder Ciminos „The Deer Hunter“ (1978) messen – nur taucht nirgends wenigstens ein Funken Hoffnung auf.

Niemand geht aus einem Krieg unbeschadet hervor – das zeigt der Film, zu dem Ugur Yücel auch das Drehbuch geschrieben hat. Und: Die Zivilgesellschaft hat keinen Platz für traumatisierte Veteranen – weil sie Schuld und schlechtes Gewissen personifizieren und so das Getriebe des kollektiven Verdrängungsprozesses behindern. In der Türkei wie überall auf der Welt.

Alhambra (OmU), Karli (OmU)

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