Kultur : Weiße Wände, offenes Dach

6000 Quadratmeter für die Flick-Collection: erste Besichtigung der Berliner Rieck-Halle neben dem Hamburger Bahnhof

Ulrich Clewing

Schon erstaunlich, zu welchen Verwandlungen die Architektur fähig ist, wenn die Zeit drängt. Im Januar 2003 wurden die Verträge unterzeichnet, im September hatte man die Baugenehmigungen eingeholt – da war die Rieck-Halle noch ein windiger Zweckbau, mit Wellblechdach und Anfahrtsrampe. Und heute, neun Monate danach, ist es ein (fast) fertiges Museum, ausgestattet mit allem, was man braucht: weiße Wände, Oberlicht, Klimatisierung und Entlüftung, insgesamt 6000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, beinahe so viel wie nebenan im Hamburger Bahnhof.

Ab dem 22. September soll hier jene Sammlung präsentiert werden, um die es in den letzten Wochen so erbitterten Streit gab: die Flick-Collection, die – um künftige Missverständnisse zu vermeiden – nach ihrem alleinigen Besitzer nun offiziell Friedrich Christian Flick-Collection heißt. Die Staatlichen Museen, die in den kommenden sieben Jahren diese hervorragende Privatsammlung zeitgenössischer Kunst beherbergen werden, sind auf den Zuwachs gut vorbereitet. Das junge Berliner Architektenbüro Kühn/Malvezzi hat, soweit man das bereits beurteilen kann, das Beste aus der baulichen Situation gemacht: Wände wurden geschlossen und Dächer geöffnet, die fünf Hallen durch einen langen Gang an der Seite sowie durch einzelne, angenehm proportionierte Durchbrüche entlang der Mittelachse miteinander verbunden. Im noch arg unwirtlich wirkenden Keller sind weitere Ausstellungsräume vorgesehen, dort werden auch die Depots angesiedelt sein.

Für die Fassade haben sich Kühn/Malvezzi eine verblüffend einfache, elegante Lösung einfallen lassen, die einiges über die Vergangenheit des Gebäudes als Speditionslager verrät. Sie haben die ungefähr 250 Meter lange Außenhaut der Rieck-Halle mit anthrazitfarbenen Stahlplatten verkleidet, die in ihrer mäandrisch geknickten Oberfläche entfernt an Schiffscontainer erinnern, wobei sie wesentlich hübscher anzuschauen sind. Die etwa ein Meter hohe Sockelzone, aus der momentan noch das ursprüngliche Ziegelmauerwerk hervorlugt, soll mit glatten silbernen Platten kaschiert werden. Auch das ein simpler, in seiner Wirkung jedoch überaus gelungener Kunstgriff.

Der Eingang zum neuen Ausstellungshaus wird im benachbarten Hamburger Bahnhof liegen. Von dort wird eine überdachte Treppe die Lücke überbrücken und dann ins Innere der Rieck-Halle führen. Das hat zum einen pragmatische Gründe: Andernfalls hätte nämlich das gesamte Gelände gemietet werden müssen. Es signalisiert zum anderen die enge Zusammengehörigkeit der Gebäude. Sie verleitete den Generaldirektor der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, bei der Baustellenbesichtigung dazu, von der Rieck-Halle als dem lange ersehnten, bislang fehlenden „zweiten Flügel des Hamburger Bahnhofs“ zu sprechen.

Ganz so verhält es sich freilich nicht. Schließlich wird in der Halle zunächsteinzig die Flick-Sammlung gezeigt; Flick finanziert daher auch den 7,5 Millionen Euro teuren Umbau. Doch spricht daraus die nicht völlig abwegige Hoffnung, das Ganze über diese sieben Jahre hinaus zu verstetigen, in welcher Form, mit wessen Kunst auch immer.

Dass die Angelegenheit grundsätzlich Brisanz birgt, dürfte sich derweil bis in den letzten Winkel der Republik verbreitet haben. Klaus-Dieter Lehmann, der nicht nur Präsident des Preußischen Kulturbesitzes ist, sondern auch ein brillanter und durchaus zu erschütternder Diplomat, ließ bei der gestrigen Begehung einmal mehr keinen Zweifel daran, die Diskussion um die Sammlung und die Familiengeschichte Flicks offensiv angehen zu wollen. Was es nicht geben wird, ist eine Parallelausstellung über die Geschichte der Familie Flick direkt in der Rieck-Halle. Ansonsten jedoch soll die Aufklärung in vielfältiger Weise fortgesetzt werden, sowohl mit Symposien und Podiumsdiskussionen als auch mittels Untersuchungen von fachlich berufenen Historikern, namentlich durch die des Münchner Instituts für Zeitgeschichte.

Schon jetzt hat die Kunstleihgabe des Enkels dazu geführt, dass die Kriegsverbrechen des Großvaters Friedrich Flick während der NS-Zeit in der Öffentlichkeit präsenter sind als je zuvor. Ein Umstand, der angesichts des Vorwurfs der Vertuschung einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Denn etwas Besseres hätte sich eigentlich niemand wünschen können – gerade diejenigen nicht, die zuletzt so heftig gegen ihn, den Enkel, polemisierten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben