Kultur : Weiße Zähne

FREDERIK HANSSEN

Touristen aller Länder, schau auf diese Stadt: Claudia Schiffer baumelt überlebensgroß am Turm der Gedächtniskirche und Lara Croft zeigt in der Neuköllner Oper, was sie wirklich im Pistolengürtel hat: eine Ketchup-Pulle.Damit spritzt die Videospiel-Traumfrau (Susanne Sachße) alle schön rot.Außerdem macht sie kein Hehl aus ihrer Vorliebe für Frischfleisch al dente: Mrs.Croft hat Biß in Tilman Gerschs "romantischer Splatteroper" Der Vampyr, einer sehr freien Neudeutung der gleichnamigen, 1828 uraufgeführten Oper von Heinrich Marschner - und ihr erstes Opfer, der blutarme Hautarzt Lord Ruthven (Guido Kleineidam), hat deswegen mächtig Stress.Drei Damen muß er innerhalb von 24 Stunden um einige Liter Blut ärmer machen, wenn er selber überleben will.Zwei Opfer sind schnell bereit, sich von Ruthven die tödlichen Knutschflecke verpassen zu lassen, doch an der dritten hängt ein schwergewichtiger Tenor.Über diesen Umstand entspinnt sich in Berlins bester Off-Oper eine zweieinhalbstündige Mordsgaudi, die ungefähr so aussieht, als wären Ed Wood und Quentin Tarantino Blutsbrüder geworden: Schräg und trashig, slapsticksüchtig, sexy und megaschnell geschnitten.Niclas Ramdohr hat Marschners Musik die Beine weggehauen, sprich: die Orchesterharmonien - also müssen sich die Sänger auf Synthesizerkrücken fortbewegen, die ihnen Ramdohr und Hans-Peter Krichberg aus in einem Gitterkäfig am Bühnenrand zuspielen.Das klingt mal nach Techno, mal nach Lloyd Webber, auf jeden Fall nicht nach Oper.Verlangt ja aber auch niemand.Das schrillste Musiktheatermassaker seit Castorfs "Fledermaus"! Unbedingt ansehen!

(bis 13.Juni)

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