Kultur : Weißer Rauch

Es ist die Kiste, nicht die Wolke: Berlin bekommt eine Kunsthalle – erst einmal auf Zeit

Christina Tilmann

Magische Räume für die Kunst – was ist das? Vielleicht der entkernte Palast der Republik, in dem bei der letzten Ausstellung Berliner Künstler im Dezember 2003 die Grundidee zur temporären Kunsthalle entstand. Oder die KunstWerke in der Auguststraße, in den ersten Jahren eine ehemalige Margarinefabrik, die erfolgreich zum Kunstzentrum umgewidmet wurde. Orte mit Geschichte, Orte mit Charisma. Orte, die die in ihr gezeigten Ausstellungen aufladen, wie eine Batterie. Mit Pathos, mit Bedeutsamkeit.

Der White Cube, die pavillonartige Holz- und Kunststoffkiste des österreichischen Architekten Adolf Krischanitz, für die sich heute der Berliner Senat nach langem Zögern entschieden hat (siehe auch S. 9), ist wahrscheinlich kein magischer Ort, eher ein Zweckbau. Doch sie steht an einem besonderen Ort, einem magischen und höchst problematischen: dem Berliner Schlossplatz mit seiner ganzen Traum- und Trümmergeschichte, mit dem erbitterten Streit um Rekonstruktion und Abriss, Hohenzollern- und DDR-Erbe und den Plänen vom Humboldt-Forum als Tor zu den Kulturen der Welt. Es ist Berlins wichtigster, derzeit auch Berlins hässlichster, ungeprägtester Ort, ein Loch im Stadtbild, anstößig wie eine Zahnlücke. Ob die Kunstkiste sich hier behaupten wird, ist die Frage.

Der Wolke, dem visionären Großprojekt des Stararchitekturbüros Graft, wäre das sicher leichter gelungen. Die Wolke auf dem Schlossplatz, gegenüber von Berliner Dom, Zeughaus und Altem Museum, das wäre ein Hingucker gewesen, ein Touristenmagnet, ein Bonbon für Architekturfans und Stadtvermarkter. Die Wolke auf dem Schlossplatz, das wäre wie Daniel Libeskinds Jüdisches Museum gewesen, oder Frank O. Gehrys Guggenheim-Bau in Bilbao: ein Haus als Selbstzweck, als Aussage für sich. Keine dienende Architektur, sondern eine selbstbewusst auftrumpfende. Ein Wahrzeichen – aber auch ein Wolkenkuckucksheim, ein Luxusprojekt zum Preis von über zehn Millionen Euro.

Die Kiste, wie der von der Künstlerin Coco Kühn und der Kulturmanagerin Constanze Kleiner initiierte und von der Stiftung Zukunft Berlin mit rund einer Million Euro finanzierte White Cube intern genannt wird, ist all das nicht. Keine Architekturvision, kein neues Wahrzeichen für Berlin, auch kein Prestigeprojekt, das sich später profitabel nach Los Angeles, Moskau oder Shanghai verkaufen lässt. Es ist vor allem: eine Hülle. Für einen eminent wichtigen Inhalt.

Erinnern wir uns: Alles fing an mit dem dringenden Wunsch in Berlin lebender Künstler, einen angemessenen Raum für Ausstellungen zu haben. Die internationale Kunstszene, die sich dank günstiger Ateliermieten und angenehm entspannter Stadtatmosphäre seit Jahren in Berlin versammelt und die den Ruf von Berlin als Kulturhauptstadt in die Welt getragen hat, fand sich weder in den Berliner Institutionen von der Berlinischen Galerie bis zum Hamburger Bahnhof noch in den privaten Initiativen wie den Kunst-Werken angemessen abgebildet. Was in den Ateliers und der Galerieszene von Mitte seinen Anfang nahm, fand den Weg in große Museen in Deutschland und aller Welt – nur viel zu selten in Berliner Institutionen.

Hier Abhilfe zu schaffen war nicht zuletzt auch Klaus Wowereits erklärter Wunsch. Mit dem ihm eigenen Sinn für Populäres hat der Regierende Kultursenator, dem bei vielen Auslandsreisen der überragende Ruf Berlin-basierter Kunst aufgefallen sein dürfte, hier Handlungspotential gesehen. Eine institutionalisierte Kunsthalle für Berlin hat er noch für diese Legislaturperiode versprochen, über Standorte hinter dem Hamburger Bahnhof oder in Kreuzberg wird diskutiert. Doch so richtig in Schwung gekommen ist das Projekt noch nicht.

Gerade deshalb ist für den Plan einer institutionalisierten Kunsthalle das jetzige temporäre Projekt eminent wichtig. Es ist nur ein Versuchsballon – aber der entscheidende. Erst wenn die Ausstellungsvorhaben auf dem Schlossplatz gelingen, Sog- und Leuchtkraft entwickeln, weltweit wahrgenommen werden, ein Touristen- und Kunstfreundemagnet werden, wenn Ausstellungen von hier aus weitergereicht werden auch in etablierte Museen, sich ein reger Austausch zwischen lokaler und internationaler Szene entwickelt, wird eine Kunsthalle auf Dauer ihre Unterstützer in Politik und Öffentlichkeit finden.

Und dafür ist der White Cube vielleicht doch die richtige Wahl. Unabhängig von architektonischer Brillanz und Signalwirkung hängt sein Erfolg ganz von der Qualität des dort Gezeigten ab. Ist die Berliner Kunstszene so groß, so lebendig und innovativ, wie behauptet, wird sie das Gebäude von innen zum Leuchten bringen. Genug Zeit dafür wird allemal bleiben, auch wenn der Bau erst im Frühjahr 2008 entsteht: Denn ob das Humboldt-Forum samt rekonstruierter Schlossfassade, für das die Architekturausschreibung noch immer vorbereitet wird, termingerecht im Jahr 2010 begonnen wird, steht in den Sternen.

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