Kultur : Weißer Westen

Expedition in die Berliner Kulturwüste: Was wird aus Schiller- und Schlossparktheater?

Frederik Hanssen

Im Steglitzer Schlossparktheater läuft derzeit mal wieder „Stirb langsam“. Nicht Teil vier des Hollywood-Blockbusters mit Bruce Willis, sondern eine weitere Folge aus der beliebten Endlosserie der Berliner Politik: Kulturinstitutionen im Wachkoma. Während sich Klaus Wowereit für seine Erfolge feiern lässt – mehr Geld für die Schaubühne und das Hebbel am Ufer! Millionen-Investitionen für die Renovierung der Komischen Oper und der Staatsoper! –, schreitet die Versteppung der hauptstädtischen Theaterszene jenseits der großen Bühnen langsam und weitgehend unbemerkt fort.

Wer derzeit im Internet nach Veranstaltungen im Schiller-Theater sucht, findet bis März 2008 genau zwölf Einträge: Barbara Schöneberger und das Berlin Pops Orchestra, eine russische Folkloretruppe, die unermüdlich tingelnden „Rat Pack“-Klone, Dativ-Diktator Sebastian Sick. Die großen Shows, die aufwendigen Tourneeproduktionen aber machen nicht mehr in Charlottenburg halt, seit es den neuen alten Admiralspalast wieder gibt. Hatten in den vergangenen Jahren Stars wie Mary oder Max Raabe und sein Palastorchester dem 1993 geschlossenen Traditionshaus immer mal wieder ein wenig Glanz verliehen, bleibt die Schiller-Bühne jetzt meistens leer. Die Friedrichstraße ist für die überregionalen Entertainment-Verkäufer eben doch attraktiver als die Bismarckstraße.

Auch im Schlossparktheater, vor 14 Jahren zusammen mit der staatlichen Schauspielschwester Schiller-Theater vom Senat auf Nullsubvention gesetzt, ist das Licht seit einem Jahr aus. Die holländische „Stage Entertainment“, die das klassizistische Gebäude bis zum 31. Juli 2009 vom Land Berlin gepachtet hat, zahlt zwar noch Miete, doch das Interesse an der Spielstätte hat der mächtige Musicalkonzern längst verloren. Mit seinen knapp 500 Plätzen ist die Bühne im Vergleich zu den anderen Berliner Häusern des Unternehmens – dem Musicaltheater am Potsdamer Platz und dem Theater des Westens – recht klein. Darum wollte man es auch zur Experimentierwerkstatt machen: Hier sollten neue Stücke ausprobiert, auf Massentauglichkeit getestet werden. Mit dem schrägen Off-Broadway-Hit „Pinkelstadt“ legten die Betreiber Andreas Gergen und Gerald Michel im Oktober 2004 einen fulminanten Start hin. Dennoch war es mit dem Mut der „Stage Entertainment“ schnell wieder vorbei: Nach zwei Operetten, einem Kinder- und einem Hochhuth-Stück kam das Revival einer alten „Non(n)sense“-Inszenierung – und der letzte Vorhang. Gergen wurde in die Deutschland-Zentrale der „Stage“ nach Hamburg abgezogen, wo er auf einen alten Bekannten aus der Berliner Szene traf: Christian Struppeck, Erfinder von „Du bist in Ordnung, Charlie Brown“, der gerade das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ sowie die eine Bühnenfassung vom „Schuh des Manitu“ vorbereitet. An welchen Projekten Gergen derzeit in der Kreativabteilung tüftelt, ist top secret.

Ebenso geheim ist die Liste der Bewerber um das Schlossparktheater. Nein, kann man auf Anfrage in der Senatskulturverwaltung erfahren, man beharre nicht auf den 150 Spieltagen in Steglitz, zu denen sich die „Stage Entertainment“ eigentlich verpflichtet hatte, aber man werde den Konzern auch nicht vorzeitig aus der Pflicht entlassen.

Also müsste ein neuer Betreiber in den bestehenden Vertrag einsteigen. Mit einem war man sogar schon handelseinig, im Herbst sollte der Spielbetrieb wieder losgehen. Doch der mutige Impresario aus dem westdeutschen Raum musste aus gesundheitlichen Gründen wieder absagen. Es soll aber tatsächlich weitere Interessenten geben, die es wagen wollen, im Berliner Südwesten Theater zu machen, versichert „Stage“-Pressesprecher Stephan Jäkel. Auf der Website www.schlossparktheater.de findet man sogar das Versprechen: „In wenigen Tagen entsteht hier eine neue Internetpräsenz.“ Angesichts der Tatsache, dass das Schlossparktheater nicht einmal mit erfolgreichen Musicalproduktionen rentabel zu führen war, dürfte ein Neustart nur einem echten Theaterzauberer gelingen. Eröffnet wurde das Schlossparktheater im Herbst 1945 übrigens mit einem Stück namens „Hokuspokus“.

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