Kultur : Weiter Streit um „Mythos RAF“

Ministerin Weiss mahnt, der Kulturrat protestiert

Christina Tilmann

Selten ist über ein Projekt noch vor seiner Entstehung so viel gestritten worden. Eine Ausstellung über die „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die die Berliner Kunst-Werke ursprünglich für dieses Jahr planten und dann auf November 2004 verschoben, steht in der Kritik, seit im Juli bekannt wurde, dass der Arbeitstitel des Projekts „Mythos RAF“ lautete und die Ausstellungsmacher noch mit keinem Angehörigen der RAF-Opfer gesprochen hatten. Familien der RAF-Opfer Schleyer und Rohwedder protestierten in einem Brief gegen die Förderung der Ausstellung durch den Hauptstadtkulturfonds. Ein Konzeptpapier vom Sommer 2001, mit dem der Leiter der Kunst-Werke Klaus Biesenbach beim Hauptstadtkulturfonds Fördermittel beantragt hatte, wurde mit dem Satz zitiert, die Ausstellung wolle die Frage untersuchen, welche „Ideen und Ideale ihren Wert durch die Zeit behalten“ haben. Politiker wie Bundesinnenminister Otto Schily und der FDP- Vorsitzende Guido Westerwelle äußerten daraufhin Kritik am Ausstellungskonzept. Westerwelle hatte vergangene Woche in einer Anfrage an die Bundesregierung die Streichung des staatlichen Zuschusses und eine Überprüfung der Mittelvergabe aus dem Hauptstadtkulturfonds verlangt.

Nun hat sich Kulturstaatsministerin Christina Weiss, selbst Mitglied in der Vergabekommission des Hauptstadtkulturfonds, in die Diskussion eingeschaltet. In einem Antwortschreiben an Westerwelle macht sie die Auszahlung der bereits bewilligten 100000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds nicht nur von einem überarbeiteten Konzept und dem Zusammenwirken mit Angehörigen der RAF-Opfer abhängig. Sie verlangt zudem, dass die Ausstellung von der Bundeszentrale für Politische Bildung und dem Hamburger Institut für Sozialforschung mitveranstaltet wird. Weiter schreibt Weiss, sie habe den Hauptstadtkulturfonds aufgefordert, „umgehend einen Widerruf der Förderung und eine Rückforderung der Fördermittel zu prüfen, wenn bereits jetzt eine hinreichende Einbeziehung der Opferseite, eine unmissverständliche Betitelung der Ausstellung sowie eine Kooperation mit den genannten Instituten nicht sichergestellt“ sei. Adrienne Goehler, Geschäftsführerin des Hauptstadtkulturfonds, betrachtet die erneute Aufregung als „Sturm im Wasserglas“: Das Schreiben der Kulturstaatsministerin sei beantwortet, und mit Berlins Kultursenator Thomas Flierl sei eine Sondersitzung der Vergabe-Kommission mit den Ausstellungsmachern geplant.

Der Deutsche Kulturrat zeigt sich indes besorgt über die Intervention der Kulturstaatsministerin. In einem Schreiben fordert er, dass „auch im Fall der RAF-Ausstellung die Juryentscheidung akzeptiert und keine staatliche Einflussnahme unternommen wird. Jedem bleibt es selbstverständlich unbenommen, nach Eröffnung der Ausstellung diese scharf zu kritisieren“.

Bei den Berliner Kunst-Werken hält sich die Aufregung in Grenzen. Die Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung sei von Anfang an geplant gewesen, erklärt Beate Barner, Managing Director der Kunst-Werke. Statt des Hamburger Instituts für Sozialforschung sei dessen Mitarbeiter, der Politologe und RAF-Spezialist Wolfgang Kraushaar als wissenschaftlicher Mitarbeiter gewonnen worden. Das umstrittene Konzeptpapier, mit dem die Mittel beim Hauptstadtkulturfonds beantragt wurden, sei längst überholt und werde deshalb auch „nicht mehr herausgegeben“. Spätestens Ende September will das Haus sein überarbeitetes Konzept vorstellen. Man gehe , so Barner, davon aus, dass die Mittel wie zugesagt ausgezahlt werden.

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