Kultur : Weizenkörner und Magie

KARRIN BETTINA MÜLLER

Die Hüte und Rohlinge, die im Kunsthof in der Oranienburger Straße in den Fenstern neben der Galerie Dorow stehen, wirken kaum weniger skulptural als das "Feld" grüner Torsi von Kristina Hoppe.Tatsächlich verwischt nicht nur das Nebeneinander von Kunst und Mode die Grenzen zwischen Design und Skulptur, spielt doch die Bildhauerin selbst mit der Wirkung des Alltäglichen und Körperlichen.Ihr "Feld" von 1994 (22 000 DM) besteht aus 70 torsoähnlichen Formen, genäht aus grünem Kunstrasen und in Gruppen aufgestellt.In dem niedrigen Ziegelstein-Gewölbe der Galerie Dorow erinnern sie an das Heer der Krieger aus Ton, die man in den achtziger Jahren in einem chinesischen Kaisergrab fand.

Mit Kristina Hoppe stellt die Malerin Ulrike Hogrebe in der Galerie Dorow aus.Beide Künstlerinnen verbindet der große Bogen, den sie zwischen realistischen Formen und einem weit über das Abbildende hinausgehenden Konzept schlagen.Bei Ulrike Hogrebe sind es kleine Figuren und Piktogramme, die eingebettet in weite und fast monochrome Farblandschaften wie die Reste einer beinahe vergessenen Geschichte wirken.Sie werden zu Wegweisern in eine Malerei hinein, die letztendlich den Prozeß ihres eigenen Werdens erzählt.Hoppe fügt Realien in ihre skulpturalen Ensembles ein wie mit Wasser gefüllte Kolben, Weizenkörner oder Mohnsamen.Diese Zitate der Natur bleiben Fremdkörper in den streng kalkulierten Kassetten aus Holz, die wie Kissen oder die Stichkappen von Gewölben geformt sind.Nicht immer gelingt der Bildhauerin ein spannungsvoller Gegensatz zwischen den natürlichen Spurenelementen und den anonymen, perfekt ausgeführten Konstruktionen, die so etwas zu bemüht um eine Vermittlung zwischen beiläufigem Erleben und tradierten Formen der Kunst wirken.

Es ist wohl Zufall: In einigen Zeichnungen von Ulrike Hogrebe schälen sich Figuren aus Behältnissen, die den Skulpturen Hoppes ähneln.Wie Schmetterlinge, die sich aus der Verpuppung befreien, steigen sie aus zylindrischen Formen.Symbolische Andeutungen von Geburt und Tod, von langen Wegen und Überfahrten zwischen den Welten, finden sich auch in Hogrebes Bildern mit sparsamen Linien in die Farbschichten gekratzt.Die Oberfläche der Bilder wird dabei als letzte Schicht ausgewiesen, unter der andere noch spürbar sind.So werden die Bilder zu einem Speicher der Zeit, und das Sichtbare verweist auf verborgene Untergründe.Mit dieser Malerei versucht die Künstlerin etwas von der Magie des Bezeichnens wiederzubeleben, die wir heute in archaischen Höhlenzeichnungen entdecken; aber das Wissen darum, daß die Kunst kaum noch die spirituellen Wurzeln des Lebens berühren kann, macht ihre Annäherung zugleich zaghaft und vorsichtig.

Galerie Dorow im Kunsthof, Oranienburger Straße 27, bis 28.Februar; Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr, Sonabend / Sonntag 14-18 Uhr.

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