Kultur : Welch kleine Welt aus Stroh und Lehm

Christina Tilmann

"Du siehst aus wie ein Foto von Kacyzne", war im Warschau der 30er Jahre ein Kompliment. Alter Kacyzne, Fotograf, Schriftsteller und Regisseur, betrieb in der Dlugastraße ein Atelier, das als beste Adresse für Hochzeits- und Porträtbilder galt. Der 1885 in Vilna geborene Maurersohn war seit 1910 in den literarischen Zirkeln Warschaus aktiv und verkehrte dort mit Israel Joshua Singer, Melekh Ravitch und Marc Chagall. 1941 wurde er auf der Flucht vor den Nazis auf dem Friedhof von Tarnopol von ungarischen Kollaborateuren ermordet. Als eine späte Wiederentdeckung werden seit zwei Jahren die Bilder gefeiert, die Kacyzne im Auftrag der New Yorker Tageszeitung "Forverts" von 1921 bis 1929 in den polnischen "Schtetl" von Warschau, Lublin, Kolomey oder Brezin aufnahm: Bilder einer verlorenen Welt, die den nach Amerika Emigrierten etwas Heimatgefühl wiederbringen sollten - und nun eine doppelt verlorene Welt dokumentieren: Nicht nur der Fotograf, auch fast alle der von ihm Fotografierten haben den Holocaust nicht überlebt.

Die Bilder sind Rekonstruktionen, keine Originale: Rund 700 Fotokupferplatten sind im New Yorker "YIVO - Institute for Jewish Research" erhalten, wo sie Mark Web 1999 entdeckte und mit großem Erfolg in Amerika publizierte. Der Berliner Aufbau-Verlag stellte parallel zur deutschen Übersetzung eine Wanderausstellung zusammen, die 57 ausgewählte Fotografien zeigt - allerdings nur in Neuaufnahmen nach den schon für die Publikation restaurierten und retuschierten Vorbildern. Nach den Stationen Frankfurt und München ist "Poyln" nun im Jüdischen Museum Berlin zu Gast.

Die erste Wechselausstellung in den schmucklos-klaren Räumen des barocken Kollegienhauses bildet ein wohltuendes Gegengewicht zur überinszenierten Dauerausstellung in Daniel Libeskinds Neubau nebenan; auch wenn die Museumsmacher betonen, angesichts des enormen Publikumserfolgs der Dauerausstellung vorerst nur kleine Wechselausstellungen zeigen zu wollen, so im April zehn Bilder der "Freud-Serie" von Robert Longo oder im Herbst ein Porträt der Bronzegießer-Familie Loevy.

Mit Alter Kacyzne greift das Jüdische Museum einen Plan auf, der 1997 in den Wirren seiner Gründungs-Konflikte fallengelassen wurde: Damals war eine Ausstellung der Schtetl-Bilder Roman Vishniacs geplant. Anders als sein berühmterer Kollege porträtiert Kacyzne jedoch eine Welt, die noch nicht von Verfolgung und Vernichtung geprägt ist. Seine Bilder zeugen von Armut und Not, trotzdem malen sie ein idyllisches Bild jener "trauten kleinen Welt, mit Stroh und Lehm gedichtet", deren Verlust Kacyznes Gedicht "Ohne Heim" beklagt. Doch heil ist diese Welt längst nicht mehr, auch wenn manche Aufnahmen - ein verschneites Dorf, ein weißbärtiger Synagogendiener - genrehaft an Brueghel oder Rembrandt erinnern. Offensichtlich sind die Zeichen von Angst und Misstrauen: Zerlumpte Kinder, die stirnrunzelnd in die Kamera blicken, Großmutter und Enkelin, die den emigrierten Verwandten nachtrauern. Die in den letzten Bildern zu sehenden Schlangen von Ausreisewilligen zeugen davon, dass diese Welt bedroht war, noch bevor sie vernichtet wurde.

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