Kultur : Welche Nation?

Franzosen streiten in Berlin über ein Nationalmuseum.

Bodo Mrozek

Als Gift der Herzen bezeichnete der Philosoph Voltaire einmal den Neid. Nun schielen ausgerechnet seine französischen Landsleute begehrlich auf die deutsche Kulturlandschaft. So geschah es am Donnerstag im Deutschen Historischen Museum (DHM) bei einem Streitgespräch zwischen Museumsexperten und Historikern. Ein Haus wie das DHM könne sich das arme Frankreich nicht leisten, rief der französische Historiker Etienne François aus. Die vom Centre Marc Bloch inszenierte Debatte nahm einen Faden auf, den Nicolas Sarkozy vor einigen Jahren spann, als er die Einrichtung eines nationalen Geschichtsmuseums forderte und dieses zu einer Art Seelenkur für den Nationalstolz erklärte. Daraufhin protestierten Historiker und Intellektuelle in einem Offenen Brief, weil sie die Ausgrenzung multikultureller Aspekte fürchteten.

Als vor 25 Jahren die Idee zu einem neuen Nationalmuseum aus dem Bundeskanzleramt drang, war eine ähnliche Debatte ausgebrochen. Die schrillen Töne, an die DHM-Chef Alexander Koch nun erinnerte, sind verhallt. Mittlerweile kooperieren selbst die einstigen Kritiker der als „Bundesrumpelkammer“ gescholtenen Dauerausstellung zur deutschen Geschichte gerne mit dem Geschichtsmuseum. In Frankreich klafft hingegen weiterhin eine Lücke in der Museumslandschaft. Jeder Paris-Tourist empfindet sie spätestens dann als schmerzhaft, wenn er ratlos vor den Waffenkammern des Hôtel des Invalides steht, in dem die französische Geschichte weitgehend als Evolution des Karabiners erzählt wird. Über die Notwendigkeit eines zivileren maison d’histoire herrscht denn auch auf dem Podium Einigkeit. Was aber soll hinein?

Kuratoriumsmitglied François verrät: keine kostspielige Sammlung, sondern von der Kulturgeschichtsschreibung inspirierte Sonderausstellungen. Eröffnet werden soll 2015 mit einer Ausstellung über den Rhein, Algerien soll kritisch gewürdigt werden und später „Frankreich auf dem Meer“. Eine galérie des temps ist geplant, die das Erstellen individueller Geschichtsbilder auf dem Bildschirm ermöglicht und eine interaktive Karte der weltweiten Geschichtsinstitutionen und Frankreich-Forscher: Weniger national geht es kaum. Bodo Mrozek

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