Kultur : Welche Uniform hätten Sie denn gern? USA-Bilder: Mark Dions Installationen bei Nagel

Ulrich Clewing

Natürlich gibt es nicht nur das Amerika der Familie Bush. Proteste der Hollywood-Prominenz, der Erfolg von Michael Moore, dessen Dokumentarfilm „Fahrenheit 9/11“ trotz Boykott durch einen Großverleih seit seinem Kinostart vor zwei Wochen in den USA alle Besucherrekorde bricht – wer je daran gezweifelt hat, dass der Pluralismus in seinem Ursprungsland noch funktioniert, wird derzeit allerorts eines Besseren belehrt.

Und die Kunst? Sagt die auch etwas? Antwort Mark Dion, geboren 1961 in New Badford, Massachusetts: eine amerikanische Flagge, ein Rednerpult mit Mikrofonen, dazu ein Kleiderständer mit einer Auswahl an Kostümen, Kampfanzug, Sonntagsuniform, diverse Jacketts: An bestimmten Tagen darf man sie anziehen und sich darin fotografieren lassen, vorausgesetzt, man stellt sich ans Pult. Wobei man wählen kann, für welche Regierungsorganisation man spricht – CIA, das Department of Defence oder doch lieber die UN? Die Fotos, das gehört zur Installation, werden anschließend in der Galerie aufgehängt (30000 Euro).

Das klingt ein bisschen krude, scheint nur ein einziges Wort zu buchstabieren: Satire. Vielleicht noch ein zweites: Ironie. Politik? Ist eh alles bloß Theater, Marionettentheater, ein permanentes Rollenspiel. Auf den zweiten Blick jedoch verhält sich die Sache in der Galerie von Christian Nagel komplizierter.

Zwar hat Mark Dion schon immer sinnfällig-kritische politische Kunst gemacht, aber mindestens genauso interessiert ihn generell das Verhältnis von Form und Inhalt. Wer Dions aktuelle Arbeit lediglich als bissigen Kommentar auf George W. Bushs gegenwärtige Darsteller-Demokratie liest, übersieht, dass in den USA die Darstellung grundsätzlich eine viel größere Rolle spielt als hier zu Lande. Die Inhalte mögen beliebig sein, die Formen sind es auf keinen Fall, das ist schon seit Jahrzehnten so, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft, der Wissenschaft, im Privaten – kein Lebensbereich, in dem das Äußerliche, der Habitus nicht auch eine Botschaft wäre.

Insofern ist Dions Installation amerikanischer, als man zunächst glaubt. Denn sie beschränkt sich nicht darauf, das Publikum durch die Verkleidung in verschiedene Rollen schlüpfen zu lassen, sondern basiert auf einem System von Zeichen, das den US-Alltag auf allen Gebieten prägt. Um diese Codes zu knacken, ihre Wirkungsmacht zu verstehen, braucht man entweder kulturelle Erfahrung – oder einen oder mehrere Schlüssel an die Hand. Dass die zweite Arbeit, die Nagel von Dion zeigt (20000 Euro), die Gestalt eines Schlüsselbretts aufweist, ist allerdings Zufall. Auch hier halten sich Eingängigkeit und die Notwendigkeit der Kenntnis gewisser Zusammenhänge ein wenig ungleich die Waage, was den Spaß an den sarkastischen Kombinationen nur unwesentlich schmälert. Am Ende ist auch das ein Sinnbild: Wer den Schlüssel hat, verschafft sich Zugang, und wer den Zugang hat, bekommt die Macht. Darüber kann man lächeln. Und dann – möglicherweise – resignieren. Wenn man genau hinsieht, ist Mark Dion nicht allzu weit davon entfernt.

Galerie Christian Nagel, Weydingerstraße 2-4, bis 11. September, Di-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr

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