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Die Berliner Philharmoniker starten mit Rattle in die Saison

Frederik Hanssen

Simon Rattle ist wieder da. Sogar zwei Tage früher als im vergangenen Jahr. Damals hing zur Begrüßung des neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker die Stadt voller Plakate. Die fehlen diesmal – und trotzdem will tout Berlin beim Saisoneröffnungskonzert dabei sein, von der lokalen Prominenz bis zu nationalen Größen wie Otto Schily oder Sandra Maischberger. Auch Joachim Sartorius, der Leiter der Berliner Festspiele, war gekommen und erlebte den Jubel der ausverkauften Philharmonie sicher mit zwiegespaltenen Gefühlen: Denn eigentlich wäre dieser Abend der ideale Startschuss für seine Festwochen gewesen. Das Zerwürfnis mit dem kurzzeitigen Philharmoniker-Intendanten Ohnesorg aber schneidet Sartorius’ Festival auf längere Sicht von der Teilnahme des Spitzenorchesters ab. Und so gehört der September Simon Rattle ganz allein: der Chefdirigent erarbeitet nacheinander vier Programme, mit Heiner Goebbels’ „Surrogate Cities“ als Höhepunkt am 23.9.

Henri Dutilleux, der 87-jährige Franzose, war beauftragt worden, ein neues Werk zu schreiben (das die Philharmoniker auch auf die USA-Tournee im November mitnehmen werden). Er schuf mit „Correspondances“ eine Gesangsszene für Dawn Upshaw: Die Sopranistin mit der madonnenhaft reinen Stimme rezitiert Briefe von van Gogh an seinen Bruder Théo und von Solschenizyn an das Ehepaar Rostropowitsch sowie Gedichte von Rilke und Prithwindra Mukherjee, und schreitet dabei über einen samtigen, ganz in Pastellfarben gehaltenen Klangteppich. Suggestiv-illustrativ hangelt sich Dutilleux an den Texten entlang, liefert mit souveränem Tonsetzerhandwerk l’art pour l’art. Dafür gibt’s viel Applaus, ebenso wie für die wunderbar natürliche, spieltechnisch perfekte Wiedergabe von Debussys sinfonischen Skizzen „La mer“, die Rattle herrlich locker, ganz und gar organisch entwickelt.

Nun ja, und dann war da noch Brahms’ erstes Klavierkonzert. Ebenfalls ein enormer Publikumserfolg – und doch reine Geschmackssache. Zugegeben, Brahms hat an dem Werk lange laboriert – doch hatte er, der spätere Strukturenspezialist, tatsächlich eine derart hemmungslose Seelenentblößung im Sinn, wie sie Rattle und sein Solist Krystian Zimerman in dem Opus 15 sehen wollen? Schon die Eingangsthemen schneidet Rattle krass gegeneinander, wie gemeißelt wirkt das „Gewitter“-Thema, unendlich gedehnt seine lyrische Antwort. Auch im Folgenden sucht der Dirigent stets die extravaganteste Lösung, will die Modernität der Musiksprache zeigen und gibt zugunsten „avantgardistischer“ Effekte innere Zusammenhänge preis, bringt den Fluss der Musik durch ersterbende Pianissimi immer wieder ins Stocken. Ein Porträt des Künstlers als zerrissener Persönlichkeit will auch Zimerman zeichnen: Dank eleganter Anschlagstechnik gelingt ihm mancher poetische Moment, den angry young man aber nimmt man ihm kaum ab: Die mit Ganzkörpereinsatz gehämmerten Fortissimi wirken nie kraftvoll, sondern nur brutal, wenn er den unangenehm metallisch klirrenden Steinway traktiert. Dem Saal allerdings gefiel dieser Extremisten-Brahms. Was tut der Kritiker da? Er erinnert sich an jene diplomatische Formulierung, die sein Vater gerne wählt, wenn bei einer Einladung Grenzwertiges serviert wird, er die netten Gastgeber aber ungern enttäuschen will: „Ja, doch, sehr interessant.“

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