Welfenschatz : An die Substanz

Es geht auf jeden Fall um Millionenwerte. Sollte der 42-teilige Welfenschatz, das Highlight der Mittelalter-Abteilung des Berliner Kunstgewerbemuseums, an die Erben der jüdischen Besitzer zurückgegeben werden müssen, wäre das ein fundamentaler Substanzverlust.

Christina Tilmann
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Goldkästchen. Ein Kuppelreliquiar (um 1200) aus dem Welfenschatz im Berliner Kunstgewerbemuseum. Foto: ddp

Auf die Staatlichen Museen käme eine Großinvestition zu, sollten sie ihren Schatz behalten wollen – vorausgesetzt, die Erben ließen sich überhaupt auf einen Handel ein.

Denn nicht allein die Verkaufsdifferenz zwischen 4,25 Millionen Reichsmark und den geschätzten sieben Millionen im Jahr 1935, die nun den Vorwurf des NS-verfolgungsbedingten Zwangsverkaufs unter Wert begründet, stünde zum Ausgleich an. Kunstschätze dieser Art erzielen auf dem Markt längst weit höhere Summen. Selbst mit Unterstützung von Kulturstiftungen und privaten Spendern dürfte es für die Museen schwer werden, die Summe aufzubringen – verfügen sie doch über keinen nennenswerten Einkaufsetat.

Der ideelle Wert ist noch größer: Die Reste des Welfenschatzes, die Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg 1928 aus Finanzgründen verkaufen musste, sind in alle Welt zerstreut. Von den damals zusammenhängenden 82 Stücken sind Teile in private und öffentliche Sammlungen in den USA gelangt, vor allem ins Cleveland Museum of Art, das den Gertrudis-Tragealtar erwarb, aber auch ins Art Institute of Chicago. Die 42 in Berlin aufbewahrten Stücke sind der größte noch zusammenhängende Bestand. Ihn zu zerschlagen, wäre ein Jammer.

Ein hinhaltendes Taktieren in dieser heiklen Sache wird sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die bislang im Umgang mit Restitutionsbegehren als vorbildlich gilt, gleichwohl nicht leisten können. Wohl aber eine sorgfältige, verantwortungsvolle Prüfung, möglichst ohne öffentlichen Druck. Denn die Frage, welche anderen Verwertungsmöglichkeiten die Händler 1935 hatten und ob sie jemals den Kaufpreis für ihre Schätze erhalten haben, ist schwer zu beantworten – zumal der Erwerber, in diesem Fall die Preußenstiftung als Rechtsnachfolgerin, die Beweislast trägt. Ende Mai, wenn die Stiftung eine ausführliche Stellungnahme vorlegen will, wissen wir mehr.

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