Welfenschatz : Kunstgewerbe? Design!

Die Wogen um die von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihrem Präsidenten Hermann Parzinger vorerst verweigerte Rückgabe des Welfenschatzes sind hoch geschlagen. Jens Müller zieht Lehren aus dem Streit.

Jens Müller

An der Diskussion wurde offenbar, welche überragende Bedeutung die Stiftung dem Welfenschatz beimisst. Tatsächlich ist an seinem enormen kunsthistorischen Wert nicht zu rütteln. Das muss aber nicht heißen, dass das Kunstgewerbemuseum – da nämlich liegt der Schatz in den Vitrinen – im Falle des Verlusts einpacken müsste. Im Gegenteil.

Was nämlich nicht so laut gesagt wird: Das Kunstgewerbemuseum ist nicht gerade Berlins bestbesuchtes Ausstellungshaus, viel eher das museale Mauerblümchen der Stadt. Selbst den Welfenschatz hat die Mehrzahl der Touristen wie der alteingesessenen Berliner wohl erst in den vergangenen Wochen dem eigenen Wortschatz einverleibt. Da ist folgende ketzerische Frage schon gestattet: Ist es vielleicht gerade dieser Schatz, der das Museum davon abhält, sich um Popularität zu bemühen? Hat man sich in der Vergangenheit vielleicht ein bisschen zu sehr auf sein Hauptexponat verlassen und sich mit den angejahrten Prunkstücken allzu gemütlich eingerichtet? Dass der Mittelalter-Teil der Dauerausstellung einen lange zurückliegenden Zeitabschnitt zum Gegenstand hat, heißt schließlich nicht, dass man ihn nicht modern präsentieren und inszenieren kann.

Apropos modern: Als das Victoria & Albert Museum in London 2008 die Schau „Cold War Modern“ über das Design des Kalten Krieges zeigte, konnte der staunende Besucher nicht umhin sich zu fragen, warum in Berlin niemand auf diese glänzende, naheliegende Idee gekommen war. Keine Stadt der Welt, London eingeschlossen, wäre dafür annähernd so prädestiniert gewesen wie die ehemalige Frontstadt. Die institutionelle Zuständigkeit für ein Projekt dieser Art hätte beim Kunstgewerbemuseum gelegen. Doch für ambitionierte Wechselausstellungen ist am Kulturforum schon räumlich kaum Platz.

Möglicherweise ging man bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aber von vornherein davon aus, dass sich an Design interessierte Zeitgenossen ohnehin nie in ein Haus mit dem Namen Kunstgewerbemuseum verirren würden. Dabei hat das Museum in dieser Hinsicht durchaus ein paar ansehnliche Stücke zu bieten, nicht unbedingt vergleichbar mit der Neuen Sammlung in München, aber immerhin. Nur mit dem altbackenen Begriff Kunstgewerbe bringt der Mensch von heute das kaum in Verbindung – so wenig wie den Welfenschatz mit dem Begriff Design. Könnte sich das Haus nicht wenigstens Museum für angewandte Kunst nennen?

Immerhin, die Debatte um den Welfenschatz kann notwendige Veränderungen anstoßen. Und selbst eine Restitution könnte sich gleichermaßen als Verlust und Chance erweisen. Katastrophe oder Katharsis? Eine Frage des Blickwinkels.

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