Kultur : Welt im Block

Visions du Réel: Europas wichtigstes Dokumentarfilmfest im schweizerischen Nyon feiert 35. Geburtstag

Silvia Hallensleben

Wie sich aus trockener Tagespolitik spannendes Unterhaltungskino machen lässt, hat der Schweizer Regisseur Jean-Stéphane Bron kürzlich mit einem Film gezeigt, der in seinem Heimatland erstaunliche Besuchermengen ins Kino lockte: „Mais im Bundeshuus“ beschreibt den langen Weg einer Gesetzesnovelle von ersten Ausschussberatungen bis zur endgültigen Abstimmung im Parlament und ist so spannend wie ein Actionthriller. Dabei verlässt der Film das Kampfterrain im Berner Bundeshaus nur für kurze Ausflüge ins Privatleben seiner fünf Hauptakteure. Ansonsten dominiert die fernsehübliche Perspektive von Kaffee- und Pinkelpausen, die aber durch eine dynamische Dramaturgie und humorvolle Aufmerksamkeit für die Eigenheiten der fünf Helden für erstaunliche Ein- und Ausblicke sorgt.

Ein Lehrbeispiel für breitentauglichen politischen Dokumentarfilm jenseits von Michael Moore. Das diesjährige 35. Dokumentarfilmfestival im schweizerischen Nyon präsentierte es dem internationalen Publikum. Und neben seinem 35. Geburtstag feierte das Filmforum noch ein weiteres Jubiläum: Zehn Jahre ist es her, dass Jean Perret das Festival zu den „Visions du Réel“ relaunchte, zum bedeutendsten Dokfilm-Ereignis Europas. Dabei ist der Name Programm: Die hier vorgestellten Sichtweisen des Wirklichen wollen sich nicht verstecken, sondern propagieren den selbstbewussten Anspruch eines Weltbilds. Das schmucke Städtchen am Genfer See liefert dazu seinen eigenen Kommentar. Was ist hier eigentlich real? Die spektakuläre See- und Bergkulisse? Die gesalzenen Preise im Restaurant? Oder die Plackerei der Küchenhelfer, die nach der Arbeit im Hinterland verschwinden?

Das Dokumentarische als notwendige Form der Weltaneignung: So bedauerte der Dokumentarist Nicolas Philibert („Sein und Haben“) als Mitglied der Jury, dass der Dokumentarfilm in der öffentlichen Wahrnehmung meist auf sein Sujet reduziert werde. Die Qualität der Filme liege jedoch in ihrer Ästhetik. Deshalb sind Dokumentarfilmer meist auch verkappte Erkenntnistheoretiker. Ihre Ansätze reichen dabei von der engagierten Hingabe ans Einzelschicksal über die schillernden Videolayers von Mike Hoolbooms „Public Lighting“ bis zur formstrengen Systemanalyse von Maria Ramos‘ „Justiça“, die den institutionellen Weg zweier Kriminalverfahren in Rio de Janeiro scheinbar teilnahmslos begleitet.

Angeklagt sind zwei junge Arme. Und wie bei „Mais im Bundeshuus“ folgt die Kamera auch hier den Beteiligten nach Hause, nicht nur in die Favelas, sondern auch in die Mittelstandswohnung der Rechtsanwältin, die die Begrenztheit ihres Wirkens mit Verbitterung sieht. Für ihre ernsthafte Studie einer Institution und der Menschen, die in ihr gefangen sind, wurde die junge Regisseurin mit dem Großen Preis des Festivals ausgezeichnet. Auch der zweite Preis ging an einen Nachwuchsregisseur: Sha Qing aus Peking porträtiert in „Wellspring“ die Familie eines schwerbehinderten Kindes. Wohl auch ein Statement für das finanzschwache Kino außerhalb Europas, dem die billige DV-Technologie neue Chancen eröffnet.

Die Etablierten gingen bei der Preisverleihung dagegen leer aus, etwa Andres Veiels „Spielwütige“ und Volker Koepp mit „Letztes Jahr in Czernowitz“. Oder Peter Liechtis „Namibia Crossings“, der mit viel Musik und großartigen Landschaften vom Scheitern eines multikulturellen Musikprojekts erzählt.

Das Publikum in Nyon ist ebenfalls auffallend jung: Um den dokumentarischen Nachwuchs braucht man sich keine Sorgen zu machen. Aus Chile war ein ganzer Trupp junger Dokumentaristen angereist, auch die Vertreter des neuen Südafrika machen Hoffnung mit ihrer Neugier. Regisseur Khalo Matabane und sein Kameramann Matthys Mocke reisten für ihre „Story of a Beautiful Country“ mit Kamera und Minibus von Johannesburg nach Kapstadt. En passant werden auf der Rückbank des Autos Landsleute unterschiedlichster Herkunft und Couleur zu ihren Gefühlen zu dem Land befragt, das hinter den Fenstern vorbeizieht. Eine ebenso simple wie wirksame Konstruktion, die von den Filmemachern aber mit afrikanischem Laissez-Faire immer wieder aufgebrochen wird.

Klassisch – und abgeklärt - gibt sich dagegen „Carpatia“ von Andrzej Klamt und Ulrich Rydzewski, der in einem langen Bogen episodischer Miniporträts das ländliche Leben in der Region zwischen Polen, Ukraine, Ungarn, Rumänien und der Slowakei einsammelt. Ein ruhiger Film über einsame Landschaften und die Menschen, die in ihnen leben. Seine griffige Naivität ist verführerisch: Schließlich geht es um so substanzielle Dinge wie Brot und Zucker, das Glück und Gott. Später kommen allerdings Zweifel, ob das einfache Leben wirklich so schlicht und tief ist, wie es der Film suggeriert: Gesellschaftlichen Zusammenhängen verweigert er sich strikt. Selbst die US-Corporation, die das karpatische Gold am Ende auf ihren Lastwagen zur Weiterverarbeitung abtransportiert, kommt daher wie mystisches Teufelswerk und nicht als ein banales, gewinnorientiertes Unternehmen.

Das Gegenbild dazu stellen die New Yorker Broker, die in Andreas Hoesslis „Wall Street“ die Börse zum heiligen Hort menschlicher Emotion stilisieren. Wo sonst liegen Hoffnung und Enttäuschung so eng beieinander? Hoessli filmt während des Irakkrieges, seine Broker sind von Krieg und Kapitalismus mutierte Charaktere, die die tägliche Börsenfront so dringend brauchen wie andere das Tageslicht. Und er findet anschauliche Bilder für das abstrakte Treiben um Junk-Bonds und Optionen: Die fußballplatzgroße Halle einer Maklerfirma etwa, wo in Blöcken aufgestellte Rechnerbatterien das finanzielle Weltgeschehen repräsentieren. Links unten das Edelmetall, dahinter die Aktienabteilung.

„Hier kriege ich ein fantastisches Gefühl dafür, was auf der Welt passiert“ sagt der Mann, der die Halle regiert. Und das in Fast-Echtzeit. Nur sich selbst sieht er nicht und seine Beschränkung. Das bleibt unser Privileg. Dieser Abstand, den wir beim Sehen gewinnen, ist vielleicht das Wichtigste beim Dokumentarfilm. Die Wege dahin können sehr unterschiedlich sein.

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