Kultur : Welt in der Welt

PETER HERBSTREUTH

Mittlerweile hat sich die Entscheidung als richtig erwiesen, das Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof zu einem Forum für Kunst und Gestaltung zu machen.Wenn sogar jüngere Künstler wie Jorge Pardo und Tobias Rehberger Lampen, Vasen, Möbel für die neuen Bundestagsbauten entwerfen und in die Domäne der Architekten einbrechen, dann war es hohe Zeit zu zeigen, daß Architekten - wie unlängst Hans Kollhoff mit Gerhard Merz bei Max Hetzler - hier Geschichte gemacht und deren Fortgang wohl auch zu verteidigen haben.Zwar heißt neuerdings das Zauberwort cross-over, aber es gleicht einem Dauergefecht der Akteure an ständig wechselnden Fronten mit immer neuen Waffen.

Zweihundert Objekte und Zeichnungen von über hundert Architekten - von Schinkel, Stüler, Gärtner bis Kleihues, Rogers, Ungers -, die in Berlin gebauthaben, stellt das Kunstgewerbemuseum in acht Themenblöcken vor.Zu sehen ist aber auch das, was den fröhlichen Wanderzirkus, der allabendlich zu Vernissagen, Premieren, Lesungen und Empfängen rennt, neben der Selbstinszenierung am meisten interessiert: Lampen, Vasen, Möbel, Geschirr, Interieurs.

Alle reden von ihren Wohnungen, nun also auch der Hamburger Bahnhof.Er zeigt eine Ausstellung für Stadtbewohner, konfrontiert sie auf verschlungenen Wegen mit Geschichte und hätte mit dezenter Didaktik ebenso den Sinn für Ästhetisches beleben, wie auch das kritische Auge beim nächsten Einkauf für die entscheidenden Details schärfen können.Stimmen sie nicht, ist es wie bei einem zu spät gekauftes Bild vom richtigen Künstler: kein Ausweis für "das Auge", nur Beleg für Geld.Und damit allein läßt sich kulturell nicht punkten.

Die arrogante Kunstwelt kennt kein Pardon.Wer in der unendlichen Spirale der Überbietungstechniken mitturnen will, muß trainieren.Der beschworene Metropolengeist fordert Geber-Qualitäten, so zumindest legte es der Urbanist Dieter Hoffmann-Axthelm nahe.Was als Welt gesehen werden wolle, müsse sich in ihrem Spiegel sehen.Im Hamburger Bahnhof schaut man leider in die Welt einer verpaßten Chance.Denn der Schau fehlt eine Fragestellung, die die Objekte ordnet.Dieser Mangel führt zu einer Art Kaufhaus-Präsentation, die zeigt, was es alles so gibt an Stühlen, Tischen, Glas- und Keramikgeschirr.Die gebotenen Abteilungen (Architekten als Techniker, Schüler der Natur, Rationalisten, Sozialmissionare, Designer) sind nicht zwingend und bei näherer Überlegung oft zweifelhaft (sind Eames und Botta Techniker?).Die Begriffsnaivität geht bis ins Detail."Die enge Beziehung von Architekten und Designern manifestiert sich in ihrer Verbindung zur Kunst: Beide betreiben Kunstgewerbe," schreibt die Kustodin.Betrieben Gropius, Eiermann, Mies van der Rohe Kunstgewerbe? Das Wort hat einen despektierlichen Klang, den ein Museum reflektieren sollte.In Wien heißt die Entsprechung: Museum für angewandte Kunst (MAK).Das läßt sich mit einem Flohmarkt nicht verwechseln.

Dennoch ist es eine wundersame Ausstellung.Man begegnet nicht nur der Geschichte der Welt in der Stadt, sondern auch seiner eigenen, erkennt plötzlich, daß die Stühle, auf denen man als Kind herumgeturnt ist, von berühmten Designern stammen.Man kann mit niederen Motiven durch die Ausstellung gehen und nach dem Schema "gefällt mir / gefällt mir nicht" Beute machen.Man kann wunderbar smalltalken über die gezeigten Stücke, denn sie funktionieren wie conversation pieces in englischen Salons.

Die Ausstellungsmacher beschränken sich auf Stilgeschichte, ohne deren Rigoriosität zu folgen.Man stelle sich vor, was ein ethnographisches Museum daraus gemacht hätte - die Stühle in den Kontext des Gebrauchs gestellt, ihre Geschichte erzählt, die Herstellung erläutert, ihren Repräsentationscharakter im Raum des Architekten und in Büros oder Privatzimmern erhellt.Es geht auch anders.Das Wiener MAK hatte zum gleichen Thema die Künstler Barbara Bloom, Güther Förg, Jenny Holzer, Donald Judd eingeladen, um im Dialog mit den Kustoden war dabei eine überaus elegante Präsentation entstanden.

bis 30.August, Di, Mi, Fr 10 bis 18 Uhr, Do 11 bis 20 Uhr, Sa und So 11 bis 18 Uhr.Der Katalog kostet 38 Mark

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