Kultur : Welt in der Wüste

Luxus und Lebenselixier: Die Wirkung der Art Dubai reicht weit über die einer Messe hinaus. In den vergangenen Jahren ist in Dubai eine Art Week mit großer Anziehungskraft gewachsen - und immer mehr internationale Galerie eröffnen eine Dependance in der Golfmetropole

Werner Bloch
Die Hallen mit zeitgenössischer Kunst unterscheiden sich kaum von denen anderer internationaler Messen. Bloß das Nackte, Provokante sucht man vergeblich in den Kojen der Galerien.
Die Hallen mit zeitgenössischer Kunst unterscheiden sich kaum von denen anderer internationaler Messen. Bloß das Nackte,...Art Dubai

Sieht sie so aus, die neue arabische Welt, die Trümmer, die übrig geblieben sind von den alten Wunschträumen eines „glücklichen Arabiens“? Jenes Arabia felix, auf dessen Gebiet heute gefühlt im Wochenrhythmus neue Kriege und Krisen ausbrechen. Heute scheint die arabische Welt vom Glück und allen guten Geistern verlassen. Nicht die Königin von Saba regiert, sondern der Schlächter al Baghdadi. Was bleibt? Vielleicht das, was der 81-jährige Künstler Elias Zayat aus Damaskus in symbolistisch-filigranen Gemälden auf die Leinwand pinselt: die Sintflut, die die arabischen Kulturen mit ihrer Urgewalt überrollt, vom syrischen Palmyra bis zum irakischen Nimrud. Dort sind die Horden von Isis gerade erst durchgezogen. Und doch wird Isis nicht das Ende der Geschichte sein.

„Ich habe festgestellt“, bemerkt der leicht gebeugte, weißbärtige Elias Zayat in tadellosem Französisch, „dass es immer wieder eine Sintflut in der Geschichte der Menschheit gab – und dass stets etwas Großartiges nachgewachsen ist.“ Zayat ist Christ, er definiert die Arche Noah als Quelle einer ständigen, notwendigen Erneuerung. Das ist natürlich auch ein ziemlich scharfes Statement zur politischen Aktualität. „Le déluge“ – die Sintflut als Stahlbad – präsentiert als Triptychon am Stand der Atassi Galerie aus Damaskus, steht stellvertretend für das leidenschaftliche Ringen, mit dem Künstler, Kulturschaffende und Intellektuelle jedes Jahr zum Kultur-Hauptevent der arabischen Welt zusammenkommen.

Nach wie vor die eleganteste Kunstmesse der Welt

Es ist die Art Dubai, die nach wie vor luxuriöseste und eleganteste Kunstmesse der Welt. Seit neun Jahren bricht in der sonst eher an Börsenkursen und Immobilien interessierten Golfmetropole eine Art Week aus, die zeitweise die Stadt auf den Kopf stellt. Erstaunliche Massen von Einheimischen und Touristen quetschen sich dann vor den Kunstwerken. Der internationale Finanzdistrikt DIFC, in dem eine ganze Reihe international operierender Galerien wie Ayyam und The Empty Quarter Unterkunft gefunden haben, erstrahlt nachts zur Partymeile. Nur dieses Jahr war der Zauber wegen eines heftigen Regengusses rasch beendet.

Epizentrum der Kunstaktivitäten ist die Messe selbst. Sie wird in einem Luxushotel abgehalten, dem Jumeirah Madinat direkt am Meer, das den Besucher eintauchen lässt in den Glanz des alten, erträumten Arabien. Ein Fünf-Sterne-Hotel als Rahmen, in das man sonst gar nicht so leicht hineinkommt mit Zimmerpreisen um die 1000 Dollar. Da muss man Touristen und Besucher nicht gerade zur Kunst in die Messeräume prügeln. Doch die Champagnerluft ist nicht alles. Die Art Dubai ist zum Gradmesser der Region geworden, zum Schaufenster der arabischen Welt. In den Jahren ihres Bestehens hat die Messe einen ständigen qualitativen Steilflug hingelegt – auch wenn man dort, wie auf jeder Messe, mancherlei Kitsch und Quatsch findet. Albernheiten wie von der japanischen Ota Fine Arts Galerie gezeigte mannshohe, aus Porzellanschuhen wachsende Blumen, die niemand braucht.

Was als liebevolle, aber eher amateurhafte Kraut- und Rübenveranstaltung für vergnügungswillige Banker startete, hat sich nach und nach zu einer angesehenen Messe auf dem internationalen Parcours veredelt. Über 500 Künstler, 92 Galerien aus 40 Ländern – da hält sich der Orient selbst den Spiegel vor. Sammlergruppen fliegen aus aller Welt ein. Die Messe will – wie der Airport von Dubai, der mittlerweile größte der Welt – Drehscheibe sein zwischen Afrika, Europa und Fernost.

Ist das noch Kunst oder schon Propaganda?

Am Stand der Agial Art Gallery aus Beirut stolpert man gleich über einen Olivenbaum, allerdings aus Stacheldraht. Der Stumpf ein verbranntes Stück Olivenholz, Erinnerung an die systematische Abholzung jahrhundertealter Olivenbäume durch israelische Soldaten im Nahostkonflikt. Die wertvollen Kulturpflanzen wurden nicht nur abgehackt, sondern auch ihre Stümpfe radikal verbrannt, damit auf keinen Fall etwas nachwachsen kann. „Ich interessiere mich nicht für Kunst, die von Bankern als Wertanlage für den Safe gekauft wird. Kunst bedeutet für mich Emotion – und Engagement für mein Land und meine Kultur“, sagt Galerist Saleh Barakat aus Beirut, ein Mann im feinen Tuch. Er hält auch für 100 000 Dollar großformatige Ölgemälde mit Motiven der 1968 zerbombten zivilen libanesischen Fluggesellschaft Middle East Air bereit. Ist das schon Propaganda oder noch engagierte Kunst?

Nicht alle Galeristen denken so idealistisch und politisch motiviert wie Barakat. Doch der Herzschlag der Art Dubai ist damit vorgegeben. Eine deutsche Galerie hat dazu eine Menge beigetragen, die seit der ersten Stunde in Dubai vertreten ist: Sfeir-Semler aus Hamburg und Beirut, die in diesem Jahr mal einen Koffer dabei hat. Ein Kunstwerk, an dem man sich leicht überheben kann: Das Gepäckstück ist mit Beton gefüllt und soll an das Schicksal eines palästinensischen Künstlers erinnern, der als Flüchtlingskind sein Leben in vielen Ländern zubrachte.

„Ehrlich gesagt, das Geschäft ist für uns nicht ganz einfach auf der Art Dubai“, sagt Andrée Sfeir-Semler, die den libanesischen Bürgerkrieg durchlebt hat und die erste Galerie im Libanon gründete. „Fast immer ist es in Dubai ein Zuschussgeschäft, weil unsere Kunst in erster Linie nicht dekorativ ist“. Nicht der hehre Traum von der Kunst habe sie damals getrieben, Galeristin zu werden. Sondern der Wille, ihr Land zu verändern. „Unsere Kunst ist ein Nachdenken über Kultur, Konzeptkunst, die man nicht auf den ersten Blick versteht.“ Deshalb sei diese Kunst schwerer zu verkaufen, vor allem im nach wie vor ornamental fixierten orientalischen Markt.

Bei Victoria Miro aus London weitet sich ein Stelenfeld aus 144 Kuben, auf die islamische Gebete geschrieben sind. „Seven Times“ heißt die museumstaugliche Installation, die an die Kaaba in Mekka erinnern soll und zugleich frappierend dem Berliner Holocaust-Mahnmal ähnelt. Über Preise mag man hier keine Auskunft geben. Die Meem Gallery aus Dubai zeigt Gemälde des aus Syrien stammenden Malers Marwan, der schon 1957 nach Berlin zog. Die vietnamesische Künstlerin Tiffany Chung hat für 60 000 Dollar Miniatur-Guckkästen aus Holz über die Zerstörung der Stadt Homs montiert – ästhetische Fotos in Schwarz-Weiß aus der menschenleeren Stadt vor einer LED-Leiste – so als wollte sie auf unseren kanalisierten, künstlichen Blick auf den Krieg in Syrien hinweisen.

Rolls Royce sponsort eine Künstlerin - dabei dürfen Frauen kein Auto fahren

Längst ist Kunst eine neue Weltwährung, die Anlage par excellence. Wenn Kapital keine Zinsen mehr abwirft und die Spielräume der realen Märkte ausgereizt sind, flüchtet mancher Anleger zu Gemälde oder Skulptur. Das haben Industrie und Großkapital entdeckt und praktizieren mehr und mehr Sponsoring. Erstaunlicherweise auch die Luxuskarossenmarke Rolls Royce, die die arabische Künstlerin Manal al Dowayan sponsert – obwohl bekannt ist, dass Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren dürfen.

Genau darum geht es im hippen Galerienviertel Alserkal, zwischen Fabriken, Containern und Wüstenstaub. Hier inszeniert Manal al Dowayan, Saudi-Arabiens wichtigste Gegenwartskünstlerin, die den misogynen Machthabern in ihrem Land schon manche Nase gedreht hat, das Fahrverbot als filmisch-experimentelle Gesamtinstallation: eine gespenstische Wüstenfahrt, auf der allerdings weder das Auto noch die Frau zu sehen ist. Sondern nur die monotone Perspektive der Frauen aus dem Seitenfenster.

„Das ist der einzige Blick, den Frauen in Saudi-Arabien auf ihr Land werfen, denn auf dem Rücksitz können sie ja kaum etwas anderes sehen. Sie schauen zur Seite, werden ja von Männern immer herumkutschiert“, sagt Manal al Dowayan. „Der Rücksitz klingt für Europäer nach Luxus; aber in Saudi-Arabien ist es schlicht die Verweigerung von Freiheit. Und es gibt kein Anzeichen, wann sich das ändert.“

Im Vergleich dazu ist Dubai, das nur ein paar Kilometer von der saudischen Grenze entfernt liegt, eine ganz andere Welt. Ein Labor, in dem Gedanken- und Finanzströme hin- und herfließen und in dem man schon jetzt auf die kommende Expo im Jahr 2020 blickt. Hier wird von Künstlern, Industriellen und Finanzleuten an zukunftsträchtigen Themen und Thesen gefeilt. Auch an der Idee eines neuen Arabia felix.

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