Kultur : Welt ohne Gnade

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Diese Langsamkeit. Tom Hanks (unser Bild) trägt den Hut tief im Gesicht, die Augen verschattet, der Mantel drückt schwer. So düster kam er noch nie daher, lächelt nicht, sagt nichts, macht schon gar keine Faxen: Beinahe ängstlich beobachtet Sohn Michael (Tyler Hoechlin), wie sein Vater mit unendlich schwermütigen Gesten die Manteltaschen lehrt. Als sei dieser Mann im Schlafzimmer ein bedrohlicher Fremder.

Tom Hanks als Mafiakiller Michael Sullivan – geht das? Hanks macht aus seiner Figur das Psychogramm eines grundgütigen Menschen und Familientiers, der sein Leben lang nur böse Dinge tun durfte. Regisseur Sam Mendes („American Beauty“) entwirft dabei auch noch das Vexierbild eines Schauspielers, der mit seinem Image des nice guy von Hollywood eben nicht gegen die Bürde der Depression anspielen darf – ohne dieses Image jedoch zu verraten. Ein sensibler, verstörender Kraftakt. Road to Perdition, die Straße zur Verdamnis führt in eine Welt ohne Gnade. In einen 30-er Jahre-Chicago-Gangster-Film. In eine Vater-Sohn-Geschichte über drei Generationen (siehe auch Tsp. vom 2.9.). Paul Newman als Pate mag noch so fürsorglich wirken: Als sein Enkel eine Schießerei beobachtet, gibt er den Befehl, dessen Familie auszulöschen. Die beiden Michaels überleben den Anschlag; fortan kämpft der Vater für seinen Sohn. Und er kämpft allein gegen die Mafia, allen voran gegen Jude Law als Attentäter mit aberwitzig-mephistophelischen Zügen. Und der Himmel ist eine graue, bleischwere Decke.

Dunkle Interieurs, verräucherte Spelunken, gezielte Unschärfen: Sam Mendes portraitiert eine Männergesellschaft im Winterregen, mit meisterlichen Chiaroscuro-Effekten, als sei’s ein Gemälde von Rembrandt. Gleichzeitig bürstet er das Genre gegen den Strich und wählt die Unterperspektive eines 12-jährigen Jungen. So stellt der Film auch die hochaktuelle Frage nach dem Erbe, das die Mächtigen der Welt mit ihren Taten und Untaten künftigen Generationen hinterlassen. Schuld und Sühne: Am Ende steht der Opfertod, ein beinahe religiöser Showdown. Man kennt das, leider. Hollywood-Filme sind seismographgische Studien zur Befindlichkeit der Nation – man muss nur die letzten fünf Minuten ignorieren. Immerhin taucht Sam Mendes sie in die surreale Helligkeit eines blendendweißen Zimmers am Meer. Das Licht am Ende des Tunnels ist trügerisch: Vorerst bleibt die Zukunft eine blutbeschmierte Illusion. (chp) Foto: Fox

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