Kultur : Welt ohne Gott

Mahlers Dritte mit Boulez und der Staatskapelle

Christiane Peitz

Wenigstens im Adagio. Wenigstens bei den verzweifelten Streicher-Lamenti des Finalsatzes wird Pierre Boulez sich doch bitte endlich hingeben. Wird den romantischen Klang der Barenboim’schen Staatskapelle aufblühen lassen und alle Vernunft über Bord werfen. So kalt kann kein Herz sein, dass es ungerührt durchhält, bis die Pauken das letzte Wort haben. Was heißt Wort: Es sind mörderisch unerbittliche Schläge an diesem Abend in der Philharmonie.

Nein, denkt man, da muss sich einfach noch was tun auf den letzten Metern von Mahlers riesenhafter Dritter Sinfonie. Denn wenn Boulez, dieser großartig kühle, analytische Kopf, Mahler entschlackt und entzaubert, wenn er den Spätromantiker ohne die geringste Prise Zucker kredenzt, ist man auf der Stelle hellwach. Nicht nur, weil das Konzert einen Vorgeschmack bietet auf die Staatsopern-Festtage im April, bei denen Boulez auch die Zweite, Vierte, Sechste und Achte dirigieren wird – und sein Freund Daniel Barenboim alle übrigen Mahler-Sinfonien. Sondern weil wir uns am üppigen, überbordenden Mahler vielleicht tatsächlich satt gehört haben.

Keine Zeit für Überwältigung. Nüchtern eilt Boulez durch die Partitur, nie verliert er sich in ein Detail, immer hat er die monumentale Gesamtarchitektur des Zweistunden-Opus im Blick. Schon die Eingangs-Märsche sind klar konturiert und durchakzentuiert: kein federnder Gang, kein martialischer Stechschritt, nur immer eins zwei eins zwei – vorwärts und vergessen. Boulez mag das Schlagzeug gern trocken, verweigert Pathos und Kitsch. Auch Menuett und Scherzo unterwirft er seiner Disziplinarmaßnahme und fordert dem Orchester kontrollierte, gleichsam gepanzerte Fröhlichkeit ab: scharfe Schnitte, Stufendynamik, mechanisierte Motorik. Und bei der Posthorn-Episode im schlichten Volkston fegt Boulez die Atmosphäre dermaßen blank, dass die Bläser vor lauter ungeschützter Durchhörbarkeit auch schon mal patzen.

Eine Welt ohne Gott. Ob Solistin Violeta Urmana beim Zarathustra-Lied „O Mensch“, ob die Aurelius Sängerknaben beim Wunderhorn-„Bimbam“ im Bund mit den Damen des Staatsopernchors: kein Mischklang, kein Schmelz. Hier singt jeder für sich allein. Und Mahler ist pure Montage, Stückwerk, Etappe. Mögen andere den Gipfel stürmen, Boulez desertiert lieber. Ein Mahlerdienstverweigerer. Allerdings einer, der das Sentiment zu retten versucht, indem er das Sentimentale zerstört. Auch wenn er sich die Emphase dann selbst im Adagio verbietet. Wie schade! Wie aufregend – wenn Boulez’ betörende Coolness bei den Festtagen mit Barenboims Lust am Rausch abwechseln wird.

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