Kultur : Weltatem

Ein Leben für Bruckner: Eugen Jochum zum 100.

Jörg Königsdorf

Das Urteil über das Lebenswerk eines Dirigenten fällt der Markt mit Unerbittlichkeit: Geblieben sind von all den Einspielungen, die Eugen Jochum im Verlauf seiner fast sechzig Jahre währenden Karriere machte, nicht seine schwerblütigen Brahms- und Beethoven-Platten und auch nicht die altväterlichen Bach- und Mozartaufnahmen, die noch ganz in der ungetrübten nachromantischen deutschen Kapellmeister-Tradition wurzeln. Geblieben ist allein sein Bruckner. Dreimal spielte der am 1. November 1902 in eine donauschwäbische Lehrer- und Organistenfamilie hineingeborene Jochum die neun Bruckner-Sinfonien ein. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken hatte schon sein Studium bei dem Bruckner-Schüler Sigmund von Hausegger geprägt und blieb Fixpunkt seines Dirigentenlebens auch als Chef des Bayerischen Rundfunksinfonieorchesters (1949 – 1960) wie als Gastdirigent in London, Amsterdam und Berlin.

Eine Spezialisierung, die Jochum, der sich während des Dritten Reichs als Chef der Hamburger Oper einen vorderen Platz unter den aufstrebenden deutschen Kapellmeistern gesichert hatte, schon während der ersten Nachkriegsjahre zugute kam: Hatte die vorangegangene Dirigentengeneration um Carl Schuricht und Hans Knappertsbusch noch ein emphatischeres, wagnerisierendes Brucknerbild geprägt, formulierte Jochum für den unter den Nazis ideologisch missbrauchten Werkkorpus ein Entnazifizierungsprogramm: Sein Bruckner war der fromme Asket, dessen Sinfonien nicht von heroischen Gipfelbesteigungen, sondern vom ruhigen Atem des Allmächtigen kündeten. Eine Auffassung, die Jochum am überzeugendsten in der (von der Deutschen Grammophon gerade wiederveröffentlichten) Gesamteinspielung dokumentiert hat, die er Mitte der 60er Jahre mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Berliner Philharmonikern vornahm: Bei aller Plastizität im Detail zielt Jochums Interpretation immer auf die Stringenz der großen Form, die „erhabene“ Gesamtwirkung ergibt sich bei ihm nicht durch rhetorische Zuspitzungen, sondern durch die Klarheit der Proportion – ein Brucknerbild, das nicht so weit von den Interpretationen eines Günter Wand entfernt ist, der in den 80ern Jochums Stelle als maßgeblicher Interpret dieser Werke einzunehmen begann. Für die Brüche, die das 21. Jahrhundert in Bruckners Werk zu entdecken beginnt, war in Jochums Welt dagegen kein Platz. Er starb 1986, nur zwei Monate nach seinem letzten Auftritt in München.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben