Kultur : Welten im Zustand der Ähnlichkeit - Das Werk eines fantastischen Realisten

Klaus Hammer

Der Kopf im Profil, der Körper verspannt und seitenverkehrt, so dass man das Gesäß auch als Gesicht lesen kann, der rechte Arm, einem abgebrochenen Schwert ähnlich, wie zum Gruß erhoben - dieses hochformatige Kreideblatt mit dem Titel "Salut" aus dem Jahr 1962 (320 000 Mark) mutet wie eine Begrüßung an und gibt der Ausstellung von Figurenblättern und Köpfen aus vier Jahrzehnten seinen Titel. Vor gut 35 Jahren hat der Galerist Dieter Brusberg dem fantastischen Realisten Gerhard Altenbourg zum Durchbruch verholfen, seitdem bemüht er sich kontinuierlich um dessen Werk.

Die Vielfalt des Lebens suchte der vor zehn Jahren tödlich verunglückte Künstler als simultanes Gewirr von Formen, Farben, Linien und gestischen Rhythmen durch eine breite Skala von Ideenassoziationen zu erschließen. Ein grafisches Gebilde, eine Bleistift- oder Kreidezeichnung, ein Aquarell, eine Gouache oder eine Collage stellt sich bei Altenbourg als etwas Ungewohntes zwischen die uns vertrauten Dinge, in unser Licht, in unseren Raum. Und es ist gerade die profane Wirklichkeit, die diese Seltsamkeit erst deutlich macht. Umgekehrt können gewöhnliche Dinge durch die Reizung unseres Vorstellungsvermögens seltsame, der Logik widersprechende Bilderketten produzieren.

Der Zufall artikuliert sich bei Altenbourg als Befreiung spezifischer Bildformationen aus dem unerschöpflichen Vorrat des Bewußten wie Unbewußten, des Gegenwärtigen, Vergangenen und Zukünftigen, des Geschichtlichen, Mythologischen, Märchen- und Sagenhaften. Dabei beherrscht er die Formensprache eines doppelbödigen Humors, der leise Ironie, skurrilen Spott, betroffen verstummendes Lachen und intensiv mitleidendes Gefühl zu vereinen vermag. Auch das Ich des Künstlers verschlüsselt sich in den einzelnen Bildsujets und den von Aphorismen und Wortspielen geprägten Titeln: "Paar im Zustand der Ähnlichkeit" (28 000 Mark), "Das Vögeln ist köstlich" (38 000 Mark), "Zwei verbunden durch eine Dritte" (35 000 Mark), "Murrhahn, süßes Schwänzchen", "Schweigen; lauschend" (46 000 Mark) oder "Mäusezen, kleine, Feine; weine nicht" (32 000 Mark). Das Faszinierende an diesem in Bildern vollzogenen Reflexionsprozess liegt in der Heiterkeit, die alles Zwanghafte und Denunzierende verdrängt und den Akt des Denkens und Erkennens als das wahrhaft Humane präsentiert.

Mit präzisen Formulierungen und spielerischer Naivität zugleich visualisiert Altenbourg die rhythmischen Triebkräfte der Natur. Die Arabeske wird so zum Symbol einer Naturmetamorphose, die aus dem unaufhörlichen Wechsel des organischen Auflebens und Vergehens stets neue Profilierungen hervorbringt. So kann der Mensch mit dem Baum in ein ambivalentes Verhältnis treten oder als Zwitter von androgyner Natur erscheinen. Es ist kein Zufall, dass ein Oberschenkel in einem Gesicht endet, das einen erigierten Penis berührt. Eine sich über die Bildfläche ausbreitende Schlingpflanze lässt menschliche, tierische und pflanzliche Elemente miteinander verwachsen. Und wenn man die visuellen Bildgedichte Altenbourgs lange betrachtet, scheinen sie sich zu verfestigen, um gleich darauf wieder zu verfließen und sich bei anderer Gelegenheit gänzlich neu zusammenzufügen.Galerie Brusberg, Kurfürstendamm 213, bis

1. April; Dienstag bis Freitag 10-18.30 Uhr, Sonnabend 10-14 Uhr. Katalog 20 Mark.

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