Kultur : Weltenbummler der Kunst

THOMAS SENNE

Nun wird er in seiner böhmischen Heimat doch langsam wiederentdeckt, dieser künstlerische Grenzgänger zwischen den Stilen, der 1870 als siebtes von zehn Kindern eines jüdischen Schneiders in Prag das Licht der Welt erblickte.Denn während Emil Orlik in Österreich und Deutschland bereits in den 60er Jahren zu Ausstellungsehren kam, erinnerte man sich in seiner Geburtsstadt erst nach der "samtenen Revolution" von 1989 wieder an sein Werk.Die Prager Nationalgalerie präsentierte zu Orliks 60.Todestag vor allem seine Grafik.Deshalb ist die Retrospektive mit ausgewählten Arbeiten aus öffentlichen tschechischen Kunstsammlungen in der Staatlichen Galerie von Cheb, dem ehemaligen Eger also, in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen.Im Rahmen des deutsch-tschechischen Kulturfestivals "Mitte Europa" gibt sie mit rund 160 Arbeiten einen kleinen, aber repräsentativen Überblick über sein Gesamt¥uvre.

Das älteste in der Ausstellung gezeigte Werk stammt von 1893.Es zeigt eine Frau in schwarzem Kleid vor einem Bücherschrank.Das dunkeltonige Braun dieses Ölbildes erinnert dabei an Arbeiten der Münchner Kunstakademie, an der Orlik studierte.Doch er malt auch in lichteren Farben kleine Interieurs, Frauen in sommerhellen Räumen oder impressionistische Szenen im Freien.Hügelige Landschaften wechseln ab mit symbolistisch aufgeladenen Bildern, etwa seinem "Paradies" von 1907, das zwei Figuren zeigt, die, umgeben von Felsen, auf die Meeresbrandung blicken.Seine düstere Ansicht von der "Insel Bred" erinnert in der Stimmung an Arnold Böcklin.Porträts von berühmten Persönlichkeiten hängen in Cheb neben Unbekannten.Das Bildnis seines Freundes Richard Strauss zeigt den Komponisten mit Fliege von der Seite auf einem Stuhl sitzend vor einem blau aufgewühlten Hintergrund, während eine unbekannte Chinesin mit blauschwarzer Bluse (1912) vor einem farbigen Rollbild posiert.

Die eigentliche Stärke des reisefreudigen Orlik, der in Wien, Prag und Paris ebenso verkehrt wie in London oder Berlin, liegt weniger in seinen Ölgemälden als in seinen Grafiken.Auf diesen Blättern fängt er das Leben auf dem Land ein und auf den Straßen der Stadt.Er fertigt naturalistisch angehauchte Holzschnitte von Straßenmusikanten an oder radiert vom Felde heimkehrende Bäuerinnen.Schlafende Dockarbeiter sind Thema seiner Drucke, aber auch eine Glasfabrik bei Glasgow.Lithographien entstehen, Plakate für die Prager Aufführung der "Weber" von Gerhart Hauptmann oder für seine erste Einzelausstellung, die 1900 im Kunstgewerbemuseum von Brünn gezeigt wird.Die Schule von Barbizon fasziniert ihn.Felix Vallotton und natürlich der Jugendstil hinterlassen bei Orlik Spuren, so auf einem Farbholzschnitt eines märchenhaft illustrierten Gartens.Er hat Kontakte zu den Zeitschriften "Jugend" und "Pan", ist Mitglied bei der Wiener und Berliner Secession.Vor allem aber prägen sein Schaffen Reisen nach Asien und in den Orient.Besonders seine Fahrt von 1900, die ihn ein Jahr lang nach Japan, China und Indien führt, wird für ihn wichtig.

Der klassische japanische Holzschnitt übt eine starke Faszination auf Orlik aus.Auf seinen Blättern hält er "Pilger auf dem Berg Fudjii" (1901) fest, einen Schauspieler oder Bauern mit rotem Umhang im Gespräch - vor fernöstlichen Schriftzeichen.Jetzt präsentierte er Arbeiten, die man für Werke japanischer Holzschneider halten könnte, so sehr ähneln sie ihren Vorbildern.Vielleicht ist es überhaupt ein Kennzeichen Emil Orliks, ästhetische Einflüsse chamäleonartig zu übernehmen, ohne den Bildern dabei jedoch immer eine unverwechselbare Handschrift geben zu können.

Neben den Ölgemälden und Druckgrafiken spielen Zeichnungen eine große Rolle in der Ausstellung.Eine frühe, schnell ausgeführte Bleistiftkarikatur von 1893 zeigt Rilke im Profil.Der entdeckte übrigens in Orliks Blättern eine "große Wärme", erkannte aber auch die Gefahr, "daß mit der Zeit eine gewisse Hast und Flüchtigkeit dem Bestreben, alles Geschaute darzustellen, entspringt, besonders, da der Pinsel so leicht und scheinbar mühelos allen Impulsen folgt".Hastig hingeworfene Skizzen vom Clown Grock, von Joachim Ringelnatz, Thomas Mann oder von Bruno Cassirer und seinem Freund Max Slevogt im Romanischen Café von Berlin - wo er ab 1905 ständig lebt und als Professor an der Schule für Grafik und Buchkunst lehrt - kontrastieren in der Ausstellung mit akademisch exakt gearbeiteten Zeichnungen.Das halbfertige Porträt von Gustav Mahler vereinigt Präzision und Spontaneität in sich und übt auf den Betrachter vielleicht gerade deshalb einen besonderen Reiz aus.

Die Retrospektive, bei der auch etliche Ex Libris von Emil Orlik vertreten sind, stellt einen technisch versierten Künstler vor.Orlik starb 1932 in Berlin.Er war kein Avantgardist, kein Neuerer der Kunst, sondern ein Seismograph für künstlerische Zeitströmungen, pendelte zwischen Realismus, Naturalismus, Spätimpressionismus und Jugendstil ebenso hin und her wie zwischen den Kontinenten - ein ästhetischer Weltenbummler.

Staatsgalerie Cheb, bis 4.Oktober.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben