Kultur : Weltentänzer

Astad Deboo macht Station in Berlin

Sandra Luzina

Barfuß ist Astad Deboo die Treppen hochgehuscht, übers Gelände geklettert und balanciert jetzt in vier Metern Höhe. Einen Moment lang scheint er zu schweben – da fallen im benachbarten Café klirrend Gläser zu Boden. Ungerührt setzt der 58-Jährige seinen Tanz überm Abgrund fort. Den Besuchern in den Staatlichen Museen in Dahlem muss dieser anmutige Herr in Jeans wie eine Vision vorkommen. Und auch die Wärter machen große Augen. Heute wird der berühmte indische Tänzer im Rahmen der Ausstellung „Lal – Red, in Honour of Kali“ im Museum für Indische Kunst auftreten und dabei in einen Dialog mit den Arbeiten Gabriele Heideckers treten.

Deboos Gebiet ist der Welt-Tanz. Den hat er studiert in all seinen Spielarten. Anfangs als enfant terrible verschrien, wird er heute als der Vater des modernen Tanzes in Indien verehrt. Zunächst wurde Deboo im klassischen indischen Stil Kathak ausgebildet. Die Begegnung mit dem amerikanischen Choreografen Murray Louis öffnete ihm die Augen für den abstrakten Tanz – und für Europa. Als Pina Bausch Deboo Mitte der 80er in Indien tanzen sah, lud sie ihn sofort nach Wuppertal ein. „Pina wollte, dass ich im klassischen indischen Stil tanze“, berichtet Deboo und lässt dabei seine Augenbrauen auf- und niederhüpfen. „Ich wollte mich aber anders ausdrücken.“ Ein Jahr blieb er in Wuppertal, nahm an den Klassen teil, dann zog er weiter. Was auch immer geschieht, hat sein Gutes – so bringt Deboo seine Philosophie auf den Punkt.

Astad Deboo konnte vor allem als Solotänzer Erfolge feiern. Er hat zu Musik von Mahler und zu indischem Dhrupad getanzt, berühmt ist er außerdem für seine Interpretation von Gedichten des Nobelpreisträgers Tagore. Auch als Lehrer hat er ungewöhnliche Wege beschritten. Seit Jahren schon arbeitet er mit gehörlosen Jugendlichen zusammen.

Wenn man Deboo als Guru tituliert, winkt er lächelnd ab. Selbstverständlich aber hat der Tanz für ihn eine spirituelle Dimension. „Mein Talent ist eine Gabe. Der Tanz ist mein Weg, anderen etwas zu geben. Und zu dienen.“ Diese Aufgabe erfordere Hingabe und Demut. Mit seiner Auffassung vom Tanz hat Deboo in den letzten 35 Jahren überall Anhänger gefunden. Auf Interkontinentalflügen, sagt er, liebe er es, im Gang des Flugzeugs auf und ab zu gehen: Wie es sich eben gehört für einen echten Wanderer zwischen den Welten.

Performance heute, 19 Uhr, Museum für Indische Kunst, Berlin-Dahlem.

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