Welterbe-Titel : Die letzte Chance für Dresden

Dresden darf den Welterbe-Titel behalten - vorerst. Doch in 97 Tagen muss eine Alternative für den Brückenentwurf gefunden sein, die auch dem Unesco-Komitee gefält.

Simona Block[dpa]
Waldschlösschenbrücke
Waldschlösschenbrücke: Muss die Brücke erst gebaut sein, damit die Politiker die Kritik der Unesco verstehen?Foto: ddp

DresdenGalgenfrist für das Welterbe Dresdner Elbtal: Der Bundesrepublik bleiben 97 Tage zur Vermeidung einer internationalen Blamage - die in der mehr als 30-jährigen Geschichte der Welterbe-Konvention bisher einmalige Aberkennung eines Welterbe-Titels. Für eine Lösung des Konflikts um die Waldschlösschenbrücke im Welterbe Dresdner Elbtal ist es damit fünf vor Zwölf - die allerletzte Chance. Den begehrten Titel kann nur noch eine Alternative zu den bisherigen Brückenbau-Plänen retten. Das Welterbe-Komitee der UN-Organisation für Erziehung und Kultur hat sein Entgegenkommen mit Bedingungen verbunden: Akzeptabel sei nur eine Lösung, die "den außergewöhnlichen und universellen Wert der Kulturlandschaft respektiert".

   Damit liegt es nun am Bund, gemeinsam mit Sachsen und Dresden den Gordischen Knoten zu durchschlagen oder nicht. Die Bundesregierung als Unterzeichner der Welterbe-Konvention ist für die Unesco auch der Ansprechpartner, wenn es um die Pflege des Welterbes geht. Sie hatte den Aufnahmeantrag für das Dresdner Elbtal gestellt, das seit 2004 in der Liste der Welterbe-Stätten steht. Die Unesco kann sich nach Angaben eines Sprechers nicht in Scharmützel zwischen Bundes-und Regionalregierungen einmischen. "Sollte die Landesregierung bei dieser Konstellation weiterhin einen Kompromiss blockieren, muss die Bundesregierung tätig werden", mahnte der Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Hans-Joachim Otto (FDP). Schließlich gehe es nicht nur um den Freistaat, sondern die völkerrechtlichen Verpflichtungen, die Deutschland mit Ratifizierung der Welterbe-Konvention eingegangen sei.

   Die Unesco hatte der 20 Kilometer langen Flusslandschaft den Titel "Welterbe" 2004 zuerkannt. Im vergangenen Jahr setzte sie die Region aber wegen des Brückenbauplans auf die Liste der "gefährdeten Stätten", da das "zu schwere" Bauwerk die Landschaft zu verschandeln drohe. Die Baupläne hatten bundesweit für erheblichen Wirbel gesorgt. Die Stadt warb bei der Unesco noch für eine Alternative, während der Freistaat das Verfahren zur Realisierung der geplanten Brücke forcierte.

Unesco-Titel bringt Imagegewinn

   Die Befürworter argumentieren mit Verkehrsproblemen in der Stadt, die sechs Brücken sowie eine Autobahnbrücke hat. Aus ihrer Sicht stellt die seit mehr als hundert Jahren gewollte Flussquerung eine wichtige Verbindung der Wohngebiete im Süden und Osten sowie der Industrie im Norden dar. Tatsächlich wurden die vier Innenstadtbrücken durch den allgemeinen Verkehrsrückgang bereits
entlastet. So ging das tägliche Aufkommen auf allen Brücken - mit Ausnahme des Jahres 2002 - seit 1998 um knapp 70.000 Fahrzeuge zurück.

   Bindend aus Sicht des Landes ist der Bürgerentscheid von 2005, an dem sich rund die Hälfte der wahlberechtigten Dresdner beteiligt hatte. Für den "Verkehrszug Waldschlösschenbrücke" stimmten damals 68 Prozent. Dabei war nach Angaben der Brückengegner nicht klar, dass damit der Welterbe-Titel gefährdet ist. Das "Adelsprädiakt" hat eher ideellen Wert, bringt aber einen großen Imagegewinn, sagt der Sprecher der Deutschen Unesco-Kommission, Dieter Offenhäußer.

"Sachsen gegen den Rest der Welt"

   Als wichtiges Marketinginstrument in der Tourismusbranche sei der Titel indirekt mit einem finanziellen Vorteil verbunden. "Er kann als eine Art Trumpfkarte bei der Erschließung neuer Finanzquellen genutzt werden." Zudem würden durch höhere Aufmerksamkeit leichter Mittel für eine Welterbestätte fließen. "Der Status ist eine Anerkennung, ein Image- und Prestigegewinn", sagte Offenhäußer. "Man ist so Partner in einem Netz von Stätten in einer Reihe mit der Chinesischen Mauer und den Pyramiden von Gizeh."

   Davon kann auch die Wirtschaft profitieren oder, bei Titelverlust, Schaden nehmen, weiß Sachsens Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD). Er und SPD-Kunstministerin Eva-Maria Stange streiten für einen Kompromiss; Regierungschef Milbradt und Innenminister Albrecht Buttolo (beide CDU) sprechen von Erpressung durch die Unesco und fordern ungeachtet der jüngsten Entwicklungen den Baustart. Dabei ist in den vergangenen Wochen die Schar derer gewachsen, die einen Kompromiss wollen. Bei Medienumfragen wurde eine alternative filigranere Brückenvariante ebenso favorisiert wie der früher bereits diskutierte und dann verworfene Elbtunnel.

   Den hatte zuletzt selbst der Hamburger Architekt Volkwin Marg der Stadt empfohlen. Der Leiter der Jury im Architekten-Wettbewerb von 1997 distanzierte sich zuvor vom derzeit geplanten Brückenentwurf. Auch die 21 Ländervertreter im Unesco-Welterbe-Komitee waren am Montag von dieser Lösung angetan. Oberbürgermeister Lutz Vogel (parteilos) hält das für "ausgeschlossen", unvereinbar mit dem Bürgerentscheid und nicht realisierbar. Neue Brücke oder Tunnel - der Streit an der Elbe geht weiter, zieht nun aber größere Kreise: "Sachsen gegen den Rest der Welt geht nicht", so der FDP-Bundespolitiker Otto. (mit dpa)

 
 

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