Kultur : Welterbe Wohnungsbau

Bernhard Schulz über den Unesco-Titel für Berliner Siedlungen

Die bangen Befürchtungen, die vor Beginn der Unesco-Welterbetagung laut wurden, haben sich zum Glück nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil: Kein Schatten fiel in Québec auf den deutschen Antrag, Berlins Sozialbausiedlungen der zwanziger Jahre mit dem begehrten Gütesiegel auszuzeichnen. Die Unterschätzung der Moderne des 20. Jahrhunderts, die die Unesco angesichts der Flut von Anträgen zu historisch weiter zurückliegenden Baumonumenten quantitativ kaum korrigieren kann, wird mit dem Berliner Erbe-Titel zumindest exemplarisch zurechtgerückt.

Berlin ist nunmehr zum dritten Mal auf der Welterbeliste vertreten. Da ist zum einen die Museumsinsel, ein Ensemble des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Und da sind die Schlösser und Gärten des preußischen Arkadien, von Potsdam bis zu ihren Ausläufern ins südwestliche Berlin hinein. Dieses Hineinreichen nach Berlin aber gibt es erst seit der Gebietsreform von 1920, als aus der kaiserlichen Residenzstadt die Metropole der Weimarer Republik wurde. Und in diesem hoffnungsfrohen, vorbelasteten, am Ende verzagten, allzu kurzlebigen Staat wurde das Soziale zum Programm. Die Revolution, die als politische 1918/19 blutig scheiterte, fand in der Kultur statt. Eine neue Kultur des menschlichen Lebens sollte entstehen, nicht weniger; ihr galten auch und vor allem die Anstrengungen, das Los von Millionen zu verbessern. Deshalb war der Siedlungsbau der zwanziger Jahre, der jetzt in seinen sechs bedeutendsten Berliner Vorhaben geehrt wird, auch keine bloße Wohnraumbeschaffung. Er sollte vielmehr erproben, wie eine breite Mehrheit der Bevölkerung menschenwürdig leben kann, in Häusern, die nicht einfach Behausungen sind, sondern Wohnort. Die Beliebtheit, derer sich die Siedlungen bis heute bei ihren Bewohnern erfreuen – die vielfach einer anderen, einkommensstärkeren sozialen Schicht angehören als diejenigen, für die sie einst errichtet wurden –, bezeugt die Tragfähigkeit dieses Grundgedankens.

Berlin stellt sich mit dem Welterbe-Titel der Verpflichtung, die ausgewählten Siedlungen auf Dauer zu pflegen. Das ist bei den glorreichen sechs überwiegend schon geschehen, seit Ende der siebziger Jahre ein Umdenken im Umgang mit den bis dahin als ärmlich missachteten Bauten einsetzte, vorbereitet und begleitet durch die wissenschaftliche Erforschung der Weimarer Republik und ihrer Kultur. So ist der Berliner Welterbe-Titel zugleich der Auftrag, diese Zeit und ihre sozialen Ideale in lebendiger Erinnerung zu behalten. Seite 7

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