Kultur : Welterklärer

Zum 80. des Dichters Jewgeni Jewtuschenko.

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Sicher kann man nicht sein, dass heute sein 80. Geburtstag ist. Jewgeni Jewtuschenko ließ erst spät verlauten, dass sein Geburtsjahr während des Krieges vorverlegt wurde. Mag sein, dass an dem abgelegenen Ort im fernen Sibirien, woher er stammt, nicht alles so genau genommen wurde, zumal sein Vater deutscher Nationalität war und daher zur Stalinzeit nicht wohlgelitten. Die Großmutter sorgte für den russischen Nachnamen. Mit ihm machte der Provinzler in Moskau Karriere, wenn auch mit Hindernissen. Er flog von der Schule und schlug sich als Arbeiter durch, was ihm eine Aura nach Art des jungen Gorki verlieh.

Berühmt wurde Jewtuschenko als Dichter der Tauwetterperiode, jener mit dem Titel eines Romans von Ilja Ehrenburg belegten Zeit nach Stalins Tod und besonders im Zenit des KP-Generalsekretärs Chruschtschow, als Solschenizyn seinen Gulag-Roman „Iwan Denissowitsch“ veröffentlichen durfte. Jewtuschenkos epische Gedichte „Stalins Erben“ und vor allem „Babij Jar“ machten ihn zur poetischen Stimme der Entstalinisierung, umso mehr, als Schostakowitsch mehrere Dichtungen vertonte. Mit seiner mächtigen Stimme und kraftvollen Erscheinung nahm Jewtuschenko einen Platz als im besten Sinne volkstümlicher Dichter ein, wie ihn zuletzt Wladimir Majakowski oder der 1925 verstorbene Sergej Jessenin behauptet hatten.

Jewtuschenko wurde im Ausland, wohin er ungeachtet seiner regimekritischen Einstellung reisen durfte, vor allem in die USA, als eine Art „zorniger junger Mann Chruschtschows“ wahrgenommen. Seine Werke erschienen in zahlreichen Übersetzungen, ein gutes Dutzend Bücher auch in deutscher Sprache. Die Reputation half ihm, in der Sowjetunion aufmüpfig zu bleiben und auch verschiedene Maßregelungen, wie den Rauswurf aus der Redaktion der Zeitschrift „Junost“ nach seiner Kritik am Einmarsch in die CSSR 1968, zu überstehen. Selbst in den „bleiernen Jahren“ der Breschnew-Zeit war seine Stimme zu vernehmen, als literarischer Vorläufer von Glasnost.

„Ein Dichter ist in Russland mehr als ein Dichter“, hat Jewtuschenko seine Rolle, ja seinen Anspruch umrissen. Der Dichter als Welterklärer. Seine öffentlichen Auftritte zu einer Zeit, da öffentliche Auftritte außerhalb von parteigelenkten Aufmärschen undenkbar waren, zählen zur Folklore. Im Laufe der Jahre stellte sich Distanz zum Pathos seiner Verse ein, in denen sich Jewtuschenko zu einer Art Medium der Zeitdiagnose machte. Zu großer Form lief er am 20. August 1991 auf, als er als Duma-Abgeordneter vom Balkon des Präsidentensitzes in Moskau gegen die spätbolschewistischen Putschisten wetterte, genauer: andichtete. Vor zwei Jahren hat Jewtuschenko seine Datscha in der Privilegierten-Kolonie Peredelkino als Dichtermuseum dem Staat geschenkt. Eine weitere Dichter-Wallfahrtsstätte, wie sie die Russen so lieben. In der Nähe steht das Sommerhaus Boris Pasternaks. Jewtuschenko war der Einzige, der sich 1958 gegen den Ausschluss Pasternaks aus dem Schriftstellerverband stellte. Bernhard Schulz

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