Weltfrauentag : Hundert Jahre Vorsprung

Käßmann, Hegemann – und der diskriminierte Mann: zum Jubiläum des Internationalen Frauentags.

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Margot Käßmann.

Ich habe einen Kollegen, der verdient ein Drittel mehr als ich. Statistisch liegen wir damit goldrichtig. Er ist unwesentlich älter als ich, verfügt über eine vergleichbare Ausbildung, eine vergleichbare Arbeitsverweildauer und ist in seinem Bereich, sage ich jetzt mal, nicht besser als ich in meinem. Er hat nur besser verhandelt, Beziehungen, mehr Berufserfahrung, das Übliche. Unterschiede gibt es immer, der Kollege ist ein Mann. Ich mag ihn sehr, insofern ist die schreiende Ungerechtigkeit zwischen uns kein Thema.

Über Geld zu reden, gilt als peinlich. Noch peinlicher ist es, als Frau über Geld zu reden. Der Frau an sich ist das peinlich und der Gesellschaft sowieso. Neid, Missgunst, Größenwahn? Außerdem sind 90 Prozent der weiblichen Weltbevölkerung 2010 mit anderen Dingen befasst, dem nackten Überleben zum Beispiel, Tag für Tag. Was sind ein paar Euro mehr oder weniger auf dem Gehaltszettel gegen sexuelle Gewalt und Aids, Zwangsprostitution, Genitalverstümmelungen, Ehrenmorde, Steinigungen, Bildungsnotstand, Hunger und Armut? Ein Luxusproblem. Uns geht’s doch gut! Wobei man es bestimmt üben kann, als Frau über Geld zu reden. Es nicht zu tun, nützt nichts und niemandem und senkt nirgends auf der Welt die HIV-Infektionsrate.

Seit dem 19. März 1911, dem Tag, an dem in Deutschland und anderswo in Europa der erste Internationale Frauentag begangen wurde, haben die deutschen Frauen viel erreicht und noch mehr erlebt. Das Wahlrecht (1918), Hildegard Knef in „Die Sünderin“ (1951), das Gleichberechtigungsgesetz in der BRD (1958), die Einführung der Antibaby-Pille (1962), Margot Honecker als DDR-Volksbildungsministerin (1963), Uschi Obermaier (1968), die erste Bundestagspräsidentin (1972), den Paragraphen 218, Alice Schwarzer und die „Emma“ (1977), die Wiedervereinigung (1989), ein Faktotum wie Hella von Sinnen, die erste Bundeskanzlerin (2005), Germany’s Next Topmodels (seit 2006), ein unanständiges Buch namens „Feuchtgebiete“ (2008) sowie unlängst Margot Käßmanns Verkehrsdelikt und Helene Hegemann, 18, im Clinch mit dem literarischen Copyright.

Das liest sich, als hätten die Frauen es geschafft. Irgendwie haben sie das ja auch, aus dem einstmals „großen“ Unterschied ist ein deutlich kleiner(er) geworden. Heute können und dürfen sie fast alles. Angela Merkel darf das Land „weiblich“ führen, nach den innenpolitisch heißen Eisen etwa lässt sie derzeit lieber ihren Außenminister schnappen. Unsere Winter-Olympionikinnen räumen Medaillen ab (im Gegensatz zu den Herren, man kennt das aus dem Fußball). An Heidi Klums Starkstromlächeln verschmort weiterhin jede Kritik. Charlotte Roche wird bei „3 nach 9“ durch eine andere Moderatorin ersetzt. Und Helene Hegemann lässt uns hoffen, dass Intelligenz und Eigensinn durchaus noch wahrgenommen werden. In der Redaktion übrigens wird sie als Germany’s Next Topmoppel geführt. Früher hätte uns das mehr empört. Aber das gehört vielleicht auch zum Abschmelzen des besagten Unterschiedchens.

Emanzipation ist, wenn Frauen Fehler haben, Fehler machen – und trotzdem weiter vorkommen. Wenn weibliches Versagen nicht zwangsläufig weibliche Gründe kennt. Die mediale Aufbereitung des Falls Käßmann trübt dieses Bild allerdings . Die Ex-EKD-Ratsvorsitzende wurde einer regelrechten Exegese unterzogen, nach Körpergröße, Gewicht, Alter, Herkunft. Tenor und Resultat: Diese ach so zarte Frau war von Amts wegen überfordert. Eine Frage der Zeit, wann sie mit 1,54 Promille über eine rote Ampel rutscht.

Bei Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel & Co. zählt die Kleine-Leute-Abstammung als Leistungsausweis. Bei Margot Käßmann hieß es, die „Tochter eines Mechanikers“ sei schon als Kind ehrgeizig gewesen. Margot in der fünften Klasse auf die Frage der Englischlehrerin, ob sie denn die kleine Schwester von der Ursula und der Gisela sei: „Nein!“ Na bitte.

Käßmanns Rücktritt mag in erster Linie ein persönlicher Befreiungsschlag gewesen sein. Er ist aber auch so etwas wie die Emanzipation von der Emanzipation – nach dem Motto der Medienwissenschaftlerin und Anne-Will-Lebensgefährtin Miriam Meckel, die keine Scheu hat, in ihrem Buch „Brief an mein Leben“ von ihrem Burn-out zu berichten. Die Posten, die sie wegen solcher Offenheit womöglich nicht mehr bekommt, will sie sowieso nicht haben, sagte sie dem „Spiegel“. Selbstdisziplinierung, ade!

Die Reaktion einer Frau mit Verantwortung, viele haben das bei Käßmann bewundert. Die Theologin hat damit ihr Gewissen aber nicht in die Mitte der Gesellschaft hineingetragen, sondern aus dieser Mitte wieder heraus. Sie hat es geschultert wie einen nassen Sack Stroh und war dann mal weg. Zurück bleibt eine traumatisierte evangelische Kirche und eine Öffentlichkeit, die sich die Augen reibt. Zurück bleiben auch die, die niemals zurückgetreten wären und, in ähnlichen Fällen, nicht zurückgetreten sind. Meistens Männer, naturgemäß, schließlich bewegen wir uns in einem männlichen System. Schon seltsam: Wer ein Gewissen hat, geht – und wer keins hat, der bleibt?

Das heißt nicht, dass Frauen im 21. Jahrhundert die redlicheren Menschen wären. Sie sind nur auffälliger, weil seltener sichtbar, zumal in herausgehobenen Positionen, das alte Lied. Nach wie vor zählt man an deutschen Hochschulen zehnmal so viele C4-Professoren wie -Professorinnen, auch in der Wirtschaft bekleiden lediglich sieben Prozent Frauen einschlägige Spitzenpositionen. Die Sportlerinnen stellen die aktuelle Ausnahme von dieser Regel dar, und in der Kultur gelten allmählich auch andere Regeln. Sehr allmählich: Vielleicht hat letzte Nacht mit Kathryn Bigelow endlich die erste Frau einen Regie- oder Bester-Film-Oscar gewonnen – vielleicht aber auch nicht.

Wobei man sich außerdem fragt, wie die klassische Musik gerade zu dieser Schwemme an exzeptionellen jungen Geigerinnen kommt: Weil Mädchen eben doch disziplinierter sind, rücksichtsloser gegen sich selbst? Emanzipation, sagt die Generation der 20- bis 30-Jährigen, ist, wenn man’s tut und nicht drüber redet. Solange sich die Jungen bei ihren Müttern und Großmüttern fürs Reden bedanken, gibt auch das Anlass zur Hoffnung.

Die Diskussionsrunde, die das Auswärtige Amt zum heutigen „Märzentag“ veranstaltet, gehört jedenfalls postwendend ins Museum oder in den Zoo: Ein männlicher Moderator – „Brigitte“-Chefredakteur Andreas Lebert – spricht mit Staatsministerin Cornelia Pieper und vier hochmögenden Wissenschaftlerinnen (darunter Christina von Braun und Necla Kelek) über „Das Frauenbild im Dialog der Kulturen“. Ein politisch korrektes Thema, gewiss. Trotzdem ist es lustig, das Prinzip Anne Will einmal auf den Kopf zu stellen. Über das „Männerbild“ in der katholischen Kirche oder im Islam können wir ja später mal nachdenken. Und folgen bis dahin lieber der Einladung der Nordischen Botschaften zum Weltfrauentags-Frühstück; die Festrede hält der Chef der schwedischen Organisation „Männer für Gleichstellung“ ...

Überhaupt, gemessen am Erreichten und an den Bedrohungen, die aus der Finanzkrise erwachsen: Ist es nicht höchste Zeit, einen Internationalen Männertag zu gründen? Die Gewerkschaften formulieren es noch etwas verschämt, wenn sie zum 8. März die „Gleichstellung aller Arbeitsverhältnisse“ fordern und eine Quotierung für Aufsichtsräte von 40 Prozent. Das Thema der Bundesfrauenkonferenz im Januar legte den Finger schon tiefer, subversiver in die Wunde: „Wer ernährt die Familie?“ Tja, wer wohl.

Als die deutsche Sozialistin Clara Zetkin vor 100 Jahren auf die Idee kam, weltweit einen Tag der Frau auszurufen, lagen die Notstände und Repressionen auf der Hand. Das tun sie auch jetzt. Unter dem Deckmäntelchen humanistischer Erziehung wurden und werden kleine Jungs von Geistlichen missbraucht. In staatlichen Schulen wiederum fehlen ihnen die männlichen Vorbilder. Väter unehelicher Kinder müssen ihre Rechte vor Gericht erkämpfen. Der deutsche Fußball soll homosexuell unterwandert sein. Internetforen gegen gewalttätige Frauen und Mütter boomen. Kerners Quoten bröckeln. Und neuerdings werden Männer vor den angesagtesten Clubs des Münchner Nachtlebens abgewiesen, nur weil sie Männer sind (der Tagesspiegel berichtete). Ja, dürfen wir so etwas denn zulassen?

Also rasch zurück ins Büro. Der Kollege ist nicht da, er fühle sich nicht, lässt er ausrichten. Sobald es ihm besser geht, werde ich ihm raten, sich in Sachen Diskriminierung mal richtig fit zu machen. Ich helfe ihm gern. Mit 100 Jahren Frauen-Vorsprung – und gegen gute Bezahlung.

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