Kultur : Weltgeist mit Joint

Ulrich Enzensberger war dabei: „Die Jahre der Kommune 1“

Marius Meller

Für Symmetrie scheint gesorgt zu sein in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Von 1945 bis zur Gründung der legendären Berliner „Kommune 1“ – im Frühjahr 1967 – sind es 22 Jahre. Und weitere 22 Jahre sollte es dauern, bis 1989 in Berlin die Mauer fiel.

Gäbe es den Hegelschen Weltgeist, er hätte hier einen seiner merkwürdigsten Purzelbäume geschlagen: indem er die allzu herben deutschen Zeitläufte damals so nonchalant in das Nadelöhr einer zunächst friedlichen, ein wenig unordentlichen Wohngemeinschaft am Stuttgarter Platz fädelte. Indem er, der Weltgeist, der weht, wo er will, sich so produktiv mit haschischgeschwängerter Kommunardenluft vermischte, in deren (unvermeidbar deutschen) Gemütlichkeit man jenen Protesthabitus erprobte, der 1989 auf dem Ost-Berliner Karl-Marx-Platz erst eigentlich zu sich selbst kam. „Wir sind das Volk“ schallte es jetzt, und es klang diesmal ganz unvölkisch.

Spekulativ ist die Wissenschaft vom Weltgeist. Nüchtern ist Kritik. Von angenehm kritischer Nüchternheit, dennoch zwischen den Zeilen im besten Sinne geschichtsspekulativ, ist Ulrich Enzensbergers Buch „Die Jahre der Kommune 1. Berlin 1967–1969“. Diese Nüchternheit und coolness ist, vorweg gesagt, erstaunlich. Denn Enzensberger, übrigens der jüngere Bruder des heutigen Staatsdichters Hans Magnus, ist K1-Protagonist der ersten Stunde – und als Autor dieses Buchs dennoch kein Renegat, wie so viele seiner Generationsgenossen, die heute die ’68er-Debatte bestimmen. „Abgeklärt“ wäre das richtige Wort für den Geisteszustand des Autors, des Zeitzeugen. Und das ist die beste Voraussetzung für Geschichtsschreibung.

Enzensberger gehörte zur Gründungscrew der Kommunarden. Natürlich stand er aus Sicht der Öffentlichkeit in der zweiten Reihe, im Schatten von virtuosen Selbstdarstellern wie Teufel, Kunzelmann und Langhans. Aber Ulrich Enzensberger, Jahrgang 1944 und 15 Jahre jünger als Hans Magnus, mischte ordentlich mit, organisierte gar die anfänglichen Übergangs-Domizile der K1: das Friedenauer Gartenhäuschen des dichtenden Bruders und die Wohnung des in New York weilenden Schriftstellers Uwe Johnson – ein interessantes Detail, das nicht unbedingt mehr zum heutigen Basiswissen über die K1 gehört.

Alles, was Enzensberger an Kommunen-Historie vermittelt, belegt er akribisch. Sei’s durch einschlägige Literatur, sei’s durch Protokolle von Gesprächen, die er jüngst mit ehemaligen Kommunengenossen führte. Schon diese quellenkundliche Verlässlichkeit wird das Buch zum Standardwerk werden lassen. Aber darüber hinaus ist das große Verdienst, dass Enzensberger die geschichtlichen Zusammenhänge herstellt, ohne irgendwie denunziatorisch oder tendenziös vorzugehen. Der Mikrokosmus K1 ist in den politisch komplexen Kosmos der Inselstadt West-Berlin vor dem Viermächteabkommen eingebettet, und dieser seinerseits in den Makrokosmos der angespannten Weltlage von Kaltem Krieg und heißem Vietnamkrieg. Die umstrittene These von 1968 als „erster globaler Rebellion“ (Wolfgang Kraushaar) – sie scheint sich bei Enzensberger aus den Quellen wie von selbst zu ergeben.

Nur einmal lehnt sich Ulrich Enzensberger in einer kradinalen Frage aus dem Fenster des Chronisten durch die Zeiten zurück in die dicke Debattenluft und mischt ein: Am 9. Juni 1967, dem Tag nach Benno Ohnesorgs Beerdigung (der bei der Anti-Schah-Demonstration von einem Polizisten erschossen wurde) fand in Hannover der Kongress „Hochschule und Demokratie“ statt, zu dem die Kommune 1 geschlossen anreiste. Rudi Dutschke hielt einen theorielastigen Vortrag zur Frage der Demonstrationsverbote, gegen die man durch „bewußte Durchbrechung“ der „Spielregeln“ vorgehen müsse. Der Philosoph Jürgen Habermas hakt besorgt nach: Gehe es um „Sitzstreik“, also um eine „Demonstration mit gewaltlosen Mitteln“? Also: Legalität oder Legitimität? Die Studenten lassen das im Unklaren.

Hier wird Enzensberger noch 37 Jahre später ziemlich explizit: „Habermas glaubte, die Einhaltung der gesetzlichen Spielregeln, der Verbote und Verordnungen sei notwendig, um die Demokratie nicht zu gefährden, aber die Situation war genau umgekehrt. Die Demokratie war gefährdet, und es bedurfte einer Durchbrechung der Spielregeln, um das Abgleiten der BRD in einen autoritären Ordnungsstaat zu verhindern.“ Ein wichtiger Unterschied. Aber folgt daraus schon revolutionärer Terror?

Wie sich das Unheil anbahnte, das Habermas schwante, wie der Terror aus dem Dunstkreis der K1 entstand, wenn auch vielleicht nicht aus ihrem Geist – das lässt Enzensberger ohne Rücksicht auf seine alten Überzeugungen deutlich werden. Die terroristische Rhetorik sickert allmählich in die anfangs brillante Flugblatt-Prosa, bis es Kunzelmann Ende 1968 auf den Punkt bringt, auf einen Punkt ohne Wiederkehr: „Man muß konkret harte Sachen machen. Mit einem Wort: Terror.“

Für Andreas Baader, Gudrun Ensslin & Co., für die späten, terrorbereiten K1-Trabanten, gab es kein Zurück. Dass sich deren Wahnsinnsgeschichten aus einer hybriden Moral, bei Baader aus einem vulgären Bohemetum entwickelten, vulgärer jedenfalls als der K1-Duchschnitt, und dass die „Aristokraten“ der Kommune (wie Langhans und Enzensberger) letztlich zu friedliche Gemüter waren für die RAF, vielleicht, weil ihr geheimnisvoller Weg nach innen ging – solche spekulativen Einsichten überlässt Enzensberger dem Leser. Er selbst urteilt nicht.


Dieses Buch bestellen Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune 1. Berlin 1967-1969. Kiepenheuer & Wietsch, Köln 2004. 415 Seiten, 24,90 Euro.

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