Kultur : Weltinnenpolitik

Kerstin Decker

Die Weltlage in Fortsetzungen an der Akademie der Künste. Diesmal gab es Platzkarten für den großen Saal. Oskar Negt, Günter Grass, Erhard Eppler und Udo Steinbach blickten mit Wohlgefallen ins überfüllte Auditorium. Dann sagte Günter Grass, was er immer sagt. Erhard Eppler sagte, was er immer sagt. Oskar Negt schloss sich an. Von Udo Steinbach, dem Islamwissenschaftler, wusste man noch nicht, was er sagen wollte.

Es klang uralt und - aufregend neu. Wieviele Menschen, die heute viel zu sagen haben, sagen wohl etwas, was man in zwanzig Jahren immer noch hören kann?

Und vergesst Willy Brandt nicht! - Günter Grass hat nämlich einen Willy-Brandt-Text wiedergefunden. Das Brandt-Vorwort zum Bericht der Nord-Süd-Kommission vom Dezember 1979. "Es besteht die Gefahr, dass im Jahre 2000 ein großer Teil der Weltbevölkerung immer noch in Armut lebt", schrieb Brandt. Das Jahr 2000 ist vorbei. Die Armut ist größer geworden. Grass erinnert sich an Brandts Wort von der "Weltinnenpolitik". Und an einen Satz Erhard Epplers: Wer des Terrors Herr werden wolle, müsse durch Taten deutlich machen, dass es keine "überflüssigen Völker" gäbe. Beifall. Keiner scheint die vielen Kommentare gelesen zu haben, in denen steht, dass die Ungerechtigkeit der Welt mit dem Terror nichts zu tun hat. Höchstens Steinbach, der Islamwissenschaftler. Er sagt, dass die sozialen Krisen in Indien und Afrika doch noch viel stärker seien. Am "Sozialen" könne es also nicht liegen. - Raunende Empörung im Publikum. Vereinzelte Ha!-Ha!-Rufe. Dass Osama bin Laden ein Modernisierungsgewinner ist und das Elend ihn kalt lässt, stört keinen. Da fängt die Dialektik doch erst an. Es geht um den fruchtbaren Armuts-Boden, auf dem die Bin Ladens stark werden.

Negt blickt ermutigt auf. Gleich wird er über Marx und den Kapitalismus sprechen. Er sagt, dass es dem, was Marx als Kapitalismus beschrieb, noch nie so gut gegangen sei. Er sei schlechthin schrankenlos geworden. Alle hören, was alle wissen. Sie klatschen trotzdem. Negt trägt ein knallrotes Hemd. Grass, der gerade beim Bundeskanzler war, trägt gedämpftes Dunkelrot. Und doch ist das hier kein PDS-Parteitag. Es ist eine Akademie. Unsere "Öffentlichkeit" scheint sich bereits in viele autarke Unter-Öffentlichkeiten geteilt zu haben. Die Akademie-Öffentlichkeit ist eine entschiedene Kriegs-Skeptiker-Öffentlichkeit.

Eine Wiedergängerversammlung ist sie auch. Aber Wiedergängerei ist nicht nur eine Eigenschaft von Personen, es ist auch eine der Geschichte. Sie hat ein gutes Gedächtnis für unerledigte Dinge. Manchmal bietet sie alle Jahrhunderte zugleich auf in einem explosiven Gemisch. Eppler hat das mit Schaudern bemerkt. Ein Typus aus dem Dreißigjährigen Krieg ist wieder da. Der Warlord, Unternehmer und Kriegsherr zugleich. Krieg ist das, wovon man leben muss, wenn es nichts anderes mehr gibt. Dreißigjähriger Krieg und High-Tech. Also kann es passieren, dass ein Privatmann der Welt mit Atombomben droht.

Die Entwicklungshilfe sinkt, mahnen die Moralisten. Aber es ist wohl schlimmer. Die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum sind zerstört, staatliche Ordnungen in weiten Teilen der Dritten Welt nicht mehr existent, weiß Eppler. Es klingt, als ob der Westen schuld sei. Vielleicht, wenn Ignoranz auch schuldhaft ist. Und das Ausnutzen fremder Schwäche.

Grass beginnt jeden Einsatz mit "Als Willy Brandt..." und möchte, dass wir alle nicht Grass, sondern "Der organisierte Wahnsinn" von Willy Brandt lesen.

Der Islamwissenschaftler Steinbach fordert zum "Respekt" vor fremden Kulturen auf. Selbst wenn dieser Militärschlag militärisch erfolgreich würde, ist er ein Desaster, glaubt Grass. Kein Verteidiger der Militäreinsätze meldet sich. Vielleicht, weil Intellektuelle ihrem Naturell nach nicht an "das Böse" glauben. Weil man es zu gut erklären kann. Und weil es nur ein Gran Psychologie braucht, um zu ahnen, das jetzt die nächste Generation von Terroristen entsteht.

Und doch muss es militärische Mittel geben dürfen, findet Eppler, etwa im Sinne einer erweiterten Polizeiaktion. Überhaupt sei es besser, die Amerikaner nicht allein zu lassen. Denn sie müssten gerade so entsetzlich viel lernen. Zum Beispiel, dass es in der Ära des Terrors keine Supermacht mehr gibt.

Dissidenten des Zeitgeists, des Kriegsgeists. Aber niemand sprach mehr über Religion. Ist sie also wirklich nur der Mantel für etwas ganz anderes? - Im Haus der Kulturen der Welt dachten auf Einladung der Holtzbrinck-Verlagsgruppe Wissenschaftler über die "Zukunft der Religionen" nach. Auch ein Religionsriss geht durch die Welt. Ein und dieselbe Religion ist im Westen und in ihren Herkunftsländern eine andere. Man sieht das am Buddhismus. In Asien meditieren nur die Mönche. Das Volk erwirbt Verdienste für günstigere Wiedergeburten. Im Westen meditiert jeder Freizeit-Buddhist. Auch im inneren Reich der Ergebung regt sich also die westliche Subjektivität. Religion als Weg zur Selbstverwirklichung. Angesichts der religiösen Massen in der dritten Welt aber ist das alte Marx-Wort wieder da: "Religion ist das Opium des Volkes." Es gibt nicht eine Welt, es gibt viele. Und jede hat ihre eigene Geschichtszeit.

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