• "Weltklang - Nacht der Poesie": Nachts von Bäumen träumen - Lyrisches am Potsdamer Platz

Kultur : "Weltklang - Nacht der Poesie": Nachts von Bäumen träumen - Lyrisches am Potsdamer Platz

Katrin Hillgruber

Ein Wort trifft auf Beton, ein Blankvers auf die bronzene Kühle der Deutschen Bank. Die Aprikosenbäume gibt es, um mit der großen dänischen Dichterin Inger Christensen zu sprechen, aber gibt es eine Atmosphäre für Lyrik am Potsdamer Platz? Die literaturWERKstatt berlin und der Hauptsponsor Daimler Chrysler wagten zum Abschluss des "literaturexpress europa 2000" ein Experiment: Sie verlegten die traditionelle Pankower Sommernacht der Lyrik aus einem verträumten Garten in die Alte Potsdamer Straße, ins steinerne Herz des viel beschworenen Neuen Berlins.

Ein Wortkonzert aus geformter, lyrischer Sprache hatte Thomas Wohlfahrt, Leiter der literaturWERKstatt, versprochen - eingebettet in Licht- und Klangkompositionen von Gunda Förster, die allerdings im Vergleich zum Vorjahr ziemlich unentschieden ausfielen. Das Wagnis glückte dennoch - das Publikum hielt in klammer Schafskälte bis 1.30 Uhr auf Klappstühlen aus, trotz überlanger Pausen wegen der parallelen Radioübertragung.

Ein wesentlicher Teil des Experiments bestand darin, die neun Lyriker in ihrer Muttersprache lesen zu lassen: die New Yorker Slam-Poetess Patricia Smith, den diesjährigen Büchner-Preisträger Volker Braun, den Syrer Adonis, Inger Christensen, Gerhard Rühm als quicklebendiges Monument der Wiener Konkreten Poesie, Ben Okri aus Nigeria, Amanda Aizpuriete aus Lettland, Lesego Rampolokeng aus Südafrika sowie die Legenden umwobene japanische Performance-Künstlerin Kazuko Shiraishi. Ihre pop- und mythoshaltigen Gedichte ("Kann Elvis zu einer Sirene werden?", heißt es in "Odysseus") fanden so prominente Übersetzer wie Allen Ginsberg und Günter Kunert, jedoch noch keinen Verlag in Deutschland. Vielleicht wird sich das nach der "Weltklang"-Nacht ändern.

Selbst ein Moderator, der mit Stilblüten nur so um sich warf, konnte die Lyrikfreunde in der Straßenschlucht nicht verschrecken. "Wenn Löwen reden könnten, hätten sie uns nichts zu sagen" zitierte Volker Panzer, Talking Head des ZDF-"nachtstudios", Ludwig Wittgenstein, um die Lesung von Gerhard Rühm einzuleiten. Da war manch murrendem Zuhörer schon lange klar, dass auch in Panzer ein Löwe schlummert.

Den Auftritt von Ben Okri kündigte er mit der Bemerkung an, die Metapher vom schwarzen Kontinent Afrika sei in Großbritannien entstanden, "wo es soviel regnet". Ohnehin sei das magische Weltbild der Afrikaner im technologischen Zeitalter haltlos geworden. Doch den Nigerianer fochten solche westlichen Gemeinplätze im mitreißenden Geschichtsoptimismus seiner "Afrikanischen Elegie", einem Optimismus des trotz alledem, nicht an: "Wir sind die Wunder die Gott vollbrachte, / Um die bittere Frucht der Zeit zu kosten. / Wir sind wertvoll. / Und eines Tages wird sich unser Leiden / In die Wunder der Welt verwandeln."

Für ihn als Dichter sei es sehr selten, auf so viele Menschen zu treffen, meinte Ben Okri. In sympathischer Emphase lobte er den ungewöhnlichen Berliner Auftrittsort als positives Symbol für eine neue Realität, als Wegweiser in die Zukunft. Ein solches von Feuermetaphern am Lodern gehaltenes Ur- und Weltvertrauen war den anderen Dichtern kaum gegeben. Der Odysseus, den der vor langer Zeit heimaltlos gewordene Syrer Adonis besingt, trägt das Exil und die Hoffnungslosigkeit in sich. Die arabischen Verse bahnten sich magnetisierend ihren Weg in die Ohren der zumeist sprachunkundigen Hörer, sicher zur Freude der wenigen anwesenden Orientalisten. Zwar wurden Hefte mit den Übersetzungen der Gedichte verkauft, doch war es bald zu dunkel zum Mitlesen. Hätte da nicht Nachbar Sony für eine Videowand sorgen können? Auf Dauer war die versprochene reine Wortmusik, sei sie auf lettisch oder japanisch noch so schön, für Lyrikinteressierte, die beim Vortrag mitdenken und -fühlen möchten, zu wenig. Wie entspannend dagegen, wenn man bei Volker Brauns grimmiger Geißelung des Spätkapitalismus in seinem Langgedicht "Lagerfeld" endlich wieder etwas verstand.

Zu musikalischen Happenings gerieten die Lesungen von Patricia Smith - sie musste als erste auf die Bühne, die kalt und weiß wie eine Zahnarztpraxis aussah -, Gerhard Rühm und Lesego Rampolokeng. Der Südafrikaner hatte zur Befeuerung seiner Oden der "black consciousness" einen Percussionisten mitgebracht. Die New Yorkerin trug einen sinnlich glühenden "Landkarten-Rap" vor, der die intimen Vorgänge des Betens und des Liebens miteinander verzahnte und John Coltrane gewidmet war. Gerhard Rühm schließlich rezitierte mit seiner Frau Simultangedichte beziehungsweise Sprechduette, bei denen Volksliedern wie dem "lieben Augustin" ihre rhythmische und sprachlogische Wurzel gezogen wurde.

Wie trist sei es für Möbel, nachts von Bäumen zu träumen, reimte Rühm, wie daseinsversichernd dagegen der Glaube an ein Kalb oder auch zwei. Und als Inger Christensen aus ihrem sagenhaften, weltumfangenden Langgedicht "Alphabet" vorlas - "und die Obstbäume gibt es und das Obst im Obstgarten wo es die Aprikosenbäume gibt, die Aprikosenbäume gibt, / in Ländern wo die Wärme genau die Farbe im Fleisch / erzeugen wird die Aprikosenfrüchte haben" - genau in diesem Augenblick verfärbte sich das Bühnenlicht in die Pastelltöne von Sommerfrüchten, und die kalte Julinacht kapitulierte vor der Poesie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar