Kultur : Weltkriegskampf

Judith Kessler

Auf Händen tragen die Tänzer in dem Handlungsballett "leben ist schön" ihre Bräute in die kleine Tempodrom-Arena, blauäugig blicken sie in die Zukunft. Doch der Hochzeitsreigen findet nicht statt. Zu Motiven aus Schostakowitschs Leningrader Symphonie (Nr. 7), die vor 60 Jahren in der belagerten Stadt uraufgeführt wurde, inszenieren Peter Vogel und Choreograf Evgeni Panfilov den Krieg: als Geschlechterkampf. Soldaten ziehen zur Front, ihre Frauen machen sie mit schwarzem Klebeband mundtod. Keine Klagen. Nur verzweifeltes Aufbäumen der Körper, die versuchen, aneinander Halt zu finden. Während die Männer im Schneesturm kämpfen, legen die Frauen ebenfalls Uniform an, kämpfen in aufreizender Wäsche ums Überleben. Die Hure ist auch Lazarettschwester, trägt über der Wäsche den grauen Armeemantel. Krieg ist bei Panfilov Gleichschaltung, in manchen Szenen unterscheiden sich die Bewegungen seiner Tänzer nur durch winzige Details.

Wie eine Befreiung wirkt es, als die Leinenmäntel abgestreift, Schrecken des Krieges herausgeschrien werden. Frieden kommt blau und leicht daher wie die Ballons, die gegen Graumäntel eingetauscht wurden. Der Hochzeitstanz vom Anfang wird zu Transistorradio-Musik fortgesetzt. In einer Stunde gelingt es der Compagnie, ihr Publikum so in den Bann zu ziehen, dass am Schluss Zuschauer und Darsteller zusammen tanzen, das Ende des Krieges zelebrieren: Leben ist schön.

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