Weltkriegssoldaten und die Lust am Töten : "Das prickelt einem ordentlich"

Gesprächsprotokolle von deutschen Soldaten in Kriegsgefangenschaft zeigen: Kämpfen, Töten und Sterben hat manchem auch Lust bereitet. Unser Bild vom Krieg könnte sich wandeln.

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Ausnahmeerscheinung Krieg. Deutsche Flaksoldaten im Kaukasus, September 1942. Foto: picture alliance/ZB
Ausnahmeerscheinung Krieg. Deutsche Flaksoldaten im Kaukasus, September 1942. Foto: picture alliance/ZBFoto: picture alliance / ZB

Zu den Aufgaben eines Bundeswehrsoldaten, sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière vor wenigen Tagen, gehört „Töten und Sterben“ dazu. „Damit kann man nicht werben, aber man muss die Wahrheit sagen.“

Dass zu dieser Wahrheit auch gehört, dass vielen Soldaten das Kämpfen, das Töten und manchmal auch das eigene Sterben eine Art Freude oder sogar Lust bereitet, verdeutlichen die von dem Historiker Sönke Neitzel und dem Soziologen Harald Welzer sorgsam zusammengestellten und kommentierten Protokolle heimlich abgehörter Gespräche deutscher Soldaten in britischer und amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Die seien ein „Sensationsfund“, schrieb der „Spiegel“ und andere orakelten, dass dem Land „möglicherweise eine neue Debatte über Verbrechen der Wehrmacht ins Haus“ stehe.

Eine Debatte sollte es in der Tat geben. Ihr Thema sollte aber nicht die banale Erkenntnis sein, dass es Soldaten gab, die den Krieg als solchen zumindest zeitweise genossen. Das ist eine Beobachtung, die sich durch die gesamte Kriegsgeschichte der Menschheit zieht. Zum Thema einer Debatte sollte vielmehr werden, welches Bild vom Krieg an sich in der medialen Öffentlichkeit existiert. Offenbar ist die naive Vorstellung weit verbreitet, im Krieg gebe es beinahe nur Opfer: unschuldige Zivilisten und größtenteils zum Kriegsdienst gezwungene Kombattanten. Doch welcher Diktator, welcher Despot, welcher Warlord würde mit einer Truppe aus weitgehend unmotivierten Soldaten, die das Kriegshandwerk nicht lieben, einen Angriffskrieg mit ungewissem Ausgang riskieren? Und selbst für die Abwehr derartiger Aggressionen scheint eine wenig pazifistische Haltung eine nicht unwesentliche Voraussetzung für den Sieg auf dem Schlachtfeld – mit Grausamkeiten und Verbrechen als „Kollateralschäden“.

Dies zeigen ebenfalls Aufzeichnungen von alliierten Soldaten im Zweiten Weltkrieg, wie sie der britische Militärhistoriker Antony Beevor in seiner im vergangenen Jahr erschienenen und zu Recht hoch gelobten Darstellung des D-Day zitiert. Einem amerikanischen Unteroffizier kam beispielsweise zwei Tage nach der Landung ein anderer Offizier mit einer Gruppe deutscher Gefangener entgegen: „Er rief. ,Das sind alles Polen, bis auf zwei. Sie sind Deutsche.’ Dann zog er seine Pistole und schoss die beiden in den Hinterkopf. Wir standen dabei.“

Derart handelnden alliierten Soldaten standen auf deutscher Seite Angehörige der Wehrmacht gegenüber, denen es „ein Bedürfnis geworden war, Bomben zu werfen“. „Das prickelt einem ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen“, zitieren Neitzel und Welzer einen Oberleutnant der Luftwaffe.

Was lassen sich für Erkenntnisse aus solchen Aussagen gewinnen? Angesichts des immer wieder zu beobachtenden Phänomens, dass es zwar viel historisches Wissen über Kriege gibt, sie aber im engeren Sinne kaum verstanden werden, sind die von Neitzel und Welzer zusammengetragenen Abhörprotokolle ein überaus wertvoller Fund. Sie erlauben nicht allein Einblicke in das Denken und Fühlen von Kombattanten, die nur äußerst selten derart authentisch sind wie in diesem Fall. Sie lassen Neitzel und Welzer auch der Frage nachgehen, warum nicht zuletzt sexuelles Handeln im Krieg, sei es gewaltsam, sei es „abgestimmt“ unter gegebenen Machtverhältnissen von Besatzern und einheimischer Bevölkerung, sei es im Rahmen von Prostitution oder sei es homosexuell, in der bisherigen Kriegs- und Massengewaltforschung so gut wie keine Rolle spielt: Dies sei keineswegs nur der schlechten Quellenlage geschuldet, sondern vor allem der Alltagsferne der soziologischen wie der historischen Wissenschaften.

Diesen Alltag im Krieg und seine immanenten Mechanismen beschreiben Neitzel und Welzer überaus treffend – das eigentliche Verdienst ihrer Studie: Im Fall von Soldaten im Krieg habe man es mit mehrheitlich jüngeren und jungen Männern zu tun, die erstens getrennt von ihren sozial kontrollierten Lebensverhältnissen und zweitens in den besetzten Gebieten mit einer individuellen Machtfülle ausgestattet seien, die das Zivilleben für sie niemals bereithalte. Und diese Gelegenheitsstruktur biete sich zudem noch in einem männerbündisch-kameradschaftlichen Referenzrahmen.

Neitzel und Welzer warnen vor dem Fehler, der sich ironischerweise nicht zuletzt auch in den medialen Reaktionen auf ihr Werk spiegelt, jede Art der von Soldaten ausgeübten sexuellen Gewalt zu exotisieren – als nur durch den Krieg verursachten Ausnahmeerscheinungen. Denn auch der Alltag in Friedenszeiten bietet nach der zutreffenden Beobachtung von Neitzel und Welzer Gelegenheiten für fast jede Form von Eskapismus, vorausgesetzt, man kann ihn sich – sozial wie finanziell – leisten. Das beginnt mit kleinen Fluchten in Form von vorsätzlichen Trinkgelagen, verläuft über „Seitensprünge“ oder Bordellbesuche und hört bei offener Gewalt in Schlägereien nicht auf. Vielmehr sind sexuelle Eskapismen ebenso wie körperliche Gewalt, Exzesse überhaupt, im Alltag fest verankert. Daher ist es die soziologische und historische Blindheit gegenüber diesen millionenfach belebten Unterseiten des sozialen Alltags, die das Ausagieren von sexueller und physischer Gewalt in der Situation des Krieges exotisiert und als ungewöhnlich oder eruptiv erscheinen lässt. In Wirklichkeit und genau beobachtet wie bei Neitzel und Welzer erfolgt hier lediglich eine Verschiebung des Rahmens, die für die Angehörigen der machtüberlegenen Gruppe Gelegenheiten schafft, zu machen, was sie ohnehin gern tun oder tun würden.

Vielleicht ist das Erstaunen in Deutschland angesichts der von Neitzel und Welzer präsentierten Soldatenäußerungen jedoch auch ein gutes Zeichen: Es zeigt, wie sehr sich die deutsche Gesellschaft seit 1945 von der Realität des Krieges entfernt hat. In Afghanistan, wo deutsche Soldaten gleichfalls kämpfen, töten und sterben, nähern sich die Deutschen dieser Realität wieder an – freilich aus gänzlich anderen Motiven als im Zweiten Weltkrieg.



– Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 521 Seiten, 22,95 Euro.

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