Weltkultur : Atemlos

Theater in Dubai, Opern in Abu Dhabi: Entsteht "Weltkultur am Golf?" – eine Diskussion in Berlin.

Bernhard Schulz

Eindreiviertel Stunden lang prasselten die Schlagwörter nur so herab von der Bühne der Staatsoper Unter den Linden. Vortrag folgte auf Vortrag – damit das Publikum überhaupt verstehen konnte, worüber diskutiert werden sollte bei den „Reden über Europa“ der Allianz-Kulturstiftung, deren zweite Folge gestern den „Neuen Zentren der Weltkultur am Golf“ galt, Dubai und Abu Dhabi. Gekommen waren Zaha Hadid, die gleich in beiden Emiraten kombinierte Opern- und Theaterhäuser errichten soll, Thomas Krens, der nach zwei Jahrzehnten Guggenheim-Direktorat nun die Verwirklichung der Filiale in Abu Dhabi (Entwurf: Frank Gehry) vorantreibt, Michael Schindhelm, der künstlerische Leiter der Kulturbehörde von Dubai, und – als Einziger aus der Region – Zaki Anwar Nusseibeh, der weltgewandte Vizepräsident der nämlichen Behörde des benachbarten Abu Dhabi, das gleich fünf gigantische Kulturinstitutionen in den Wüstenhimmel wachsen lassen will.

Da war in einem fort vom „Brückenbau“ zwischen den Regionen dieser Welt die Rede, von lokaler und globaler Identität, von Erbe, Gegenwart und Zukunft. Allein Nusseibeh ließ anklingen, dass Kultur von den Emiraten als strategisches Kissen betrachtet wird, um künftige soziale und geopolitische Konflikte abzufedern. Vom Geld sprach ohnehin keiner, obwohl man hört, dass die international eingebundenen Finanzzentren der Region ihre gigantomanischen Pläne mittlerweile strecken müssen.

So waren es denn vor allem Satellitenbilder künftiger Bauplätze und Computeranimationen der geplanten Riesenbauten, die dem Publikum in atemloser Folge gezeigt wurden. Mit der hübschen Pointe übrigens, dass Zaha Hadid, die Pionierin computergenerierter Entwürfe, schon für das einfache Vor und Zurück auf ihrem Laptop nach Hilfe rufen musste. Das tat dem Beifall, den die Fans beinahe jeder ihrer bewusst lässigen Äußerungen spendeten, keinen Abbruch. Krens wollte schier gar nicht mehr aufhören mit Details zum Guggenheim-Plan. Von 42 000 Quadratmetern Nutzfläche des geplanten Gehry- Baus („der Scheich hat ihn ausgewählt, ich hätte Hadid genommen“, charmierte Krens) sind 3200 für „zeitgenössische arabisch-islamische Kunst“ vorgesehen, um das Übergewicht westlicher Importe halbwegs auszubalancieren.

Allein Schindhelm wagte sich an die Grundsatzfrage, was der Westen zum Aufbau von Kultur in den Golfstaaten beitragen kann. „Wenn wir kulturelle Arbeit sinnvoll gestalten wollen, müssen wir mit der einheimischen Kultur beginnen.“ Darin stimmten ihm die Mitvortragenden zu – nicht aber in der Diagnose, dass es am Golf kein nennenswertes kulturelles Erbe gebe, sondern allein Gegenwart und ein radikal verändertes Verhältnis zu Zeit und Geschwindigkeit. Da hätte die Diskussion ansetzen müssen. Es blieb indes beim Zweckoptimismus: dass sich am Golf ein „Weltkulturzentrum“ entwickelt. Na, mal sehen. Bernhard Schulz

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