Weltkulturerbe : Dresdner Brückenstreit geht in die entscheidende Runde

Naturschutz oder Verkehrskollaps: Am Donnerstag hat die Gerichtsverhandlung über den Bau der Waldschlößchenbrücke begonnen. Wenn die Brücke gebaut wird, erkennt die Unesco dem Dresdner Elbtal den Welterbetitel ab. Die Juristen sind als Tier-Experten gefragt.

Jörg Schurig[dpa]

DresdenNutzt die vom Aussterben bedrohte Fledermaus Kleine Hufeisennase das Elbtal bei Dresden als Flugstrecke? Welche Auswirkungen hat ein Brückenbau auf Insekten wie Eremit (Käfer), Grüne Keiljungfer (Libelle), Dunkler Wiesenknopf-Ameisenbläuling und Spanische Flagge (Falter)? Umweltschützer sehen das Leben all dieser Tiere bedroht, wenn die umstrittene Waldschlößchenbrücke im Unesco- Welterbe Dresdner Elbtal entsteht. Eine andere Drohung könnte bereits im Juli Realität werden. Dann will die Unesco wegen des Brückenbaus über eine Aberkennung des Welterbetitels entscheiden.

Unter diesen Vorzeichen sitzen Juristen seit Donnerstag in Dresden erneut zu Gericht und müssen sich dabei auch als Tier-Experten beweisen. Für Laien sind bisherige Urteile, Revisionen und Eilanträge zur Waldschlösschenbrücke kaum noch zu überblicken. Bei der jetzigen Verhandlung am Dresdner Verwaltungsgericht geht es aber ums Ganze. Die Richter müssen klären, ob der Planfeststellungsbeschluss für die Brücke vom Februar 2004 rechtens ist. Damit steht das Baurecht im Fokus. Drei Umweltverbände geben an, schon vorher Mängel aufgezeigt zu haben.

"Wir werfen dem Regierungspräsidium Dresden vor, nicht alle Belange des Naturschutzes ausreichend geprüft zu haben", erklärt der Sprecher der klagenden Verbände, Achim Weber. Er sei froh, dass nun endlich "sachlich und fachlich" diskutiert werde. Weber weiß, welche Emotionen das Thema in Dresden auslöst. Vielen Bürgern beschert das Wort Waldschlößchenbrücke ein akutes Sättigungsgefühl. Seit November 2007 wird die Brücke trotz der noch ausstehenden Entscheidung im sogenannten Hauptsache-Verfahren gebaut.

Tunnel statt Brücke?

Inzwischen hat die Unesco klar gemacht, dass der Welterbetitel futsch ist, wenn weiter Beton in die Landschaft fließt. Aber nicht nur das macht vielen Einwohnern Sorgen. Nicht wenige finden das Bauwerk architektonisch missraten. Mit einem Tunnel anstelle der Brücke wollen sie nun den äußeren Schein wahren. Die Befürworter der überirdischen Lösung hingegen wähnen die 500.000 Einwohner zählende Stadt bei weiterer Bauverzögerung vor einem Verkehrskollaps.

Die Dresdner Verwaltungsrichter interessieren solche Einwände nicht. Zum Auftakt der Verhandlung trug Richterin Elke Schroeder die Positionen der Prozessparteien im bisherigen Rechtsstreit vor. Kläger sind die Naturschutzverbände Grüne Liga Dresden, Nabu und BUND. Der Beklagte ist der Freistaat Sachsen mit dem Regierungspräsidium Dresden. Die Landeshauptstadt Dresden sitzt als "Beigeladener" mit am Tisch.

Gefährdet: Kleine Hufeisennase, Mopsfledermaus, Großes Mausohr

Die Liste der Vorwürfe ist lang. Die Umweltschützer monieren auch, dass die Behörden die Elbwiesen an der betroffenen Stelle nicht zum Vogelschutzgebiet erklärten. Dabei sei hier der Ruf des seltenen Wachtelkönigs vernommen worden. Neben der Kleinen Hufeisennase - dem Wappentier der Brückengegner - sehen die Kläger vor allem das artverwandte Große Mausohr und die Mopsfledermaus gefährdet. Für sie berge der Bau ein "unmittelbares Kollisionsrisiko".

Der Staat hält mit Anwälten und Gutachtern dagegen und verweist auf die Auflagen. So soll künftig auf der Brücke nur Tempo 30 gelten, statt üblicher Lampen ist insektenschonende LED-Beleuchtung geplant. Auch solche Argumente spielen eine Rolle: "Je kleiner der Durchmesser einer Lichtquelle, desto geringer die Anlockwirkung für Insekten", heißt es im Prozess. Hochfliegende Fledermäuse seien "lichttoleranter" und könnten die Brücke ungehindert passieren.

All das müssen die Richter bedenken. Am 26. Juni gibt es eine weitere Verhandlung. Wenn die Umweltschützer gewinnen, wollen sie im Eilverfahren einen Baustopp beantragen. Auch darüber hat sich Achim Weber schon Gedanken gemacht. "Im Augenblick sind nur die Fundamente gebaut. Es geht nicht darum, eine Brücke wieder abzureißen."

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